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Als wir das Wochenende vor Weihnachten in Berlin waren, hat sich vor unserem Hotelfenster ein Mann umgebracht.

8:00 morgens: Vorhang zurück, Blick aus dem Fenster, alles okidoki.
8:02 morgens: Blick aus dem Fenster, liegt ein Mann davor.

Menschen laufen aus dem Hotel, Blicke nach oben zum gegenüberliegenden Haus,
„der ist gesprungen!“ „Zieh die Vorhänge zu, schau Dir das nicht an“
Rettungswagen und Polizei und Notärzte.
Im Fernsehen wird immer nur ein paar Mal wiederbelebt, dann kommt der lange Pfeifton.
Das ist in der Realität anders, unbezahlbare Fernsehzeit wäre das, bis wir beide geduscht und fertig angezogen sind,
gut 45 Minuten lang.
Ich sehe seine Füße in braunen Halbschuhen und einen nackten, weißen Männerbauch, der in die Höhe hüpft, immer wieder –
und alles, was ich denken kann ist, im Fernsehen ist das viel kürzer, wie lange, wie lange wird das gemacht.
Früher habe ich mir immer dann, wenn es mir gut ging, ausgemalt, was alles Schlimmes passieren könnte. Na, das ist aber mal schlau, oder?
Ich hatte einfach das Gefühl, zu viel Glück macht wehrlos.
Ich wollte gut vorbereitet sein, gewappnet, wenn es unweigerlich umschlägt.

Man kann sich auf das Schreckliche nicht vorbereiten.
Es wird nicht weniger schlimm sein, wenn „es“ eines Tages passiert, wenn das passiert, vor dem Du am meisten Angst hast.
Du wirst nicht weniger Schmerz empfinden, weil Du all die Jahre jeden Monat ein bisschen „vorgelitten“ hast.
Manchmal sind wir am falschen Ort, manchmal ist es eine Krankheit, manchmal ohne Absicht. Oft sind wir schlichtweg hilf- und machtlos, schicksalstechnisch.

Man kann nur leben.
Man kann nur versuchen, es gut hinzukriegen, so lange es eben währt.
Und dabei genügend Spaß zu haben.

Und was, wenn´s schiefgeht? Was, wenn mein Herz dabei bricht?

We cross that bridge, when we get to it.

Aber was soll ich denn dann tun? Wo alles ständig und jedem passieren kann, wo bestimmt nicht alle immer da sein werden, sicher, gesund?

Zwei Wörter: Freu Dich.
Freu Dich über all das Schöne, was ist.

Aber das ist ja wie freier Fall! Hör mal, wo so viel Schlimmes kommen wird, das ist ja wie freier Fall. Alles einfach akzeptieren, was da kommt.

Mag sein. Trotzdem, freu Dich. Hilft doch alles nichts.
Weinen, Dich betrinken und Zähneklappern, dafür ist immer noch Zeit wenn es so weit ist.

Nach dem Frühstück sind wir nach Potsdam zum Schloss Sanssouci gefahren.
Meine kalten Füße im Jetzt.
Die Feste und Jagdveranstaltungen, die Taufen und Diners in der Vergangenheit. Friedrich der Große ist auch aufs Klo gegangen, hat Schnupfen gehabt und für die Ewigkeit gelebt.
Ich hoffe für ihn, er hatte viele schöne Jetzts.
Ich will viele schöne Jetzts. Auch wenn das Jetzt ziemlich oft kalte Füße hat.

Erkenntnis:
Wenn ich ausschließlich den Dingen der Zukunft entgegenfiebere, stelle ich dann nicht auch stets den Jetzt-Zustand infrage?
Was würde passieren, wenn ich sehe, was ist und nicht sofort weg will?
Wenn ich bleiben kann. Wenn ich mich entschließe zu sein, was ich bin. Nicht schöner, schlanker und in besserer Version.

Vielleicht gehört zum glückliche-Momente-haben-können auch Mut.
Es gibt viele glückliche Momente.
Wenn ich was essen kann, wenn ich wirklich Hunger habe. Wenn ich aufs Klo gehen kann, wenn ich ganz dringend muss. Wenn ich total verfroren in einer Wanne mit warmem Wasser untertauche.
Und immer dann, wenn ich Angst loslasse.
Weil es die Angst ist, die oft kontrolliert.
Weil man ihr diese Kontrolle nehmen sollte.
Weil der Angst per se ein Tritt in den Arsch gehört.

Schlussgedanken:
Was versuche ich zu halten, obwohl es sich eigentlich verabschiedet hat?
Welche Beziehung oder Eigenschaft hängt irgendwo zwischen dem 7. Stock und dem Erdgeschoss fest und will gehen? Belebe mit Stromschlägen und Verzweiflung, obwohl es längst nicht mehr zu mir gehört?
Es gehört Mut dazu,die Apparate auszuschalten. Mut und eine Entscheidung.
Was zu mir gehört, bleibt, was fort will, soll gehen.

Jetzt.

 

021

 

 

 

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