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Rotkäppchen verlief sich eines Tages bereitwillig in der Stadt. 036 Der dunkle Wald war ihr fad geworden. Also folgte sie der fröhlichen Musik, den vielen Stimmen, dem Lachen und den guten Düften: ein Jahrmarkt, ein buntes Zirkuszelt, bunter denn je erschien ihr die Welt. Der Schnurrbart des Zirkusdirektors glänzte schwarz wie das Gefieder der Raben im Wald. 017 Er warf ihr einen roten Zuckerapfel zu: „Den schenk ich Dir meine Kleine! Sieh Dir alles an, sieh, wie wundervoll das Leben ist!“ Als erstes lief Rotkäppchen zu den Clowns, denn die hatten es immer lustig. Die hatten ordentlich Spaß! Drehten sich allerdings nur im Kreis um sich selbst, und wenn sie lachten, dann klang es ein bisschen wie aus der Dose. 025 Rotkäppchen staunte nicht schnell über das Karrussel. 033 Im Wald war ihr schon von den Sonnenstrahlen schwindlig geworden, wie würde das erst funzen, wenn man für das Kribbeln bezahlen konnte! 021022 Die Menschen brüllten und verzerrten die Gesichter. Sie kreischten, manche übergaben sich. Sie flogen so schnell an Rotkäppchen vorbei, dass sie ihre Gesichter nicht mehr erkennen konnte. Rotkäppchen ging schnell weiter. Traf einen seltsamen Affen im Frack, 040 einen Yeti, dessen Atem derart nach Fisch roch, dass sie beinahe in Ohnmacht gefallen wäre, 038 sie hatte Angst um einen Mann, der sich an ein Stück Holz klammerte, auf dem „von Geburt an gefühllos“ stand, 002 bemerkte eine Frau mit einem Schild in der Hand: 028 „He Du, darf ich Dir meinen Trick zeigen?“ 009 Rotkäppchen wand sich verwirrt um. Eine fröhliche gestreifte Giraffe. Sie atmete erleichtert auf. Aber im nächsten Moment fiel die Giraffe vor ihr zu Boden, wie tot. 011010 Rotkäppchens Augen füllten sich mit Tränen. Aber da: 012 „Cool was, guter Showeffekt, wichtig ist das wieder Aufstehen, da braucht´s ein Schmalz und eine Muskulatur!“ Die Giraffe gab an ohne Rot zu werden. 015 „…hat sie doch nicht alle, der Penner..“, murmelte Rotkäppchen und ging weiter. Irgendwie hatten die es hier alle nicht alle. Der Mann im Spiegelkabinett, der immer nur sich selbst sah. Der kam da nie mehr raus. Oder das Kind ohne Namen. „Nennt das Kind beim Namen, nennt das Kind beim Namen!“ Rotkäppchen kämpfte sich durch die Menge. „Sehen sie die schöne Lola mit ihrem Regenschirm! Sehen Sie Lola!“ Rotkäppchen blieb stehen und blickte nach oben. Die Seilkunsttänzerin war so hübsch. 001 Sie balancierte auf dem dünnen Drahtseil über dem Jahrmarktsplatz. Wie niedlich sie angezogen war: das duftige Kleid, wie grazil sie die Arme hielt. Rotkäppchen seufzte, wie eine kostbare Porzellanpuppe. Eine andere Welt. Aber dann sah sie ihre Augen. In ihren Augen war Angst. 003 Rotkäppchen legte den Zuckerapfel auf den Boden. Dann lief sie los. Lief über die Straßen, durch die Einkaufszentren, sprang über die künstlichen Fontänen. Rotkäppchen hatte keinen Schirm dabei und als der Sturm aufkam, musste sie alles auf sich regnen lassen. Als sie endlich wieder im dunklen Wald war, umarmte sie als erstes den bösen Wolf. „Alter, ich hab Dinge gesehen, das glaubst Du nicht. Ehrlich, das hält man im Kopf nicht aus.“ Der Wolf wollte sie zwar gerade fressen, aber da disponierte er um und sie gingen erstmal ein Bier trinken. Morgen, dachte er, morgen ist auch noch ein Tag.

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