Schlagwörter

, , , , , , ,

Der Mann vor mir hat echt große Ohren.
Mein lieber Herr Gesangverein, richtige Jahrhundert-Löffel.
Wenn Du einen Rat willst: öffentlich ausstellen und Eintritt dafür verlangen.
Für solche Ohrwaschl kann man einen eigenen Souvenir-Laden aufmachen. So was von, ……arrrgh!!

Nachdem alle in der Schlange, die sich am Montagmorgen am Ticketschalter hinter dem Ohrenmann gebildet hat, wissen, wie er mit 4-mal Umsteigen und 50 Minuten Aufenthalt zu seiner Enkelin nach Essen kommt, lässt er sich nun auch noch eine Alternativroute ausdrucken. Sicher ist sicher. Man kann ja nie wissen, gerade mit den Streiks und so. Arrrgh!!
Wieso macht er das nicht am Mittwochnachmittag um 10 vor 3, wenn ich weit weg bin.
Aber nein, das macht er nicht.
Seine Ohren leise in Grund und Boden zu beleidigen, hilft mir, nicht an Ort und Stelle zu explodieren.
Kaffee!
Die Bäckereiverkäuferin schiebt gedankenverloren (das geht doch schneller!!!) ein Schokocroissant in die Papiertüte, während die Frau vor mir mit leuchtenden Augen von ihrem Romantik-Wochenende in der Lüneburger Heide berichtet.
Arrgh. Und weit und breit kein Segelohr in Sicht.
Manchmal bin ich richtig böse auf alles und jeden.
Auf alle, die mein Tempo drosseln und meinen egozentrischen kleinen Blues stören. Dann kann ich nur folgendes denken:

1. Ich will das alles gar nicht wissen

2. Das dauert mir alles viel zu lange

3. Erzähl´s doch Deinem Friseur!!

Neulich war ich irgendwo und musste irgendwas ganz dringend machen und wollte mir vorher noch schnell, schnee-he-he-ll, eine Flasche Wasser am Kiosk holen.
Der ältere Herr vor mir kramt in den Taschen seines hellen Trenchs nach Kleingeld für seine Zigaretten. Kramkramkram, laberlaberlaber.
Da steht sie dann wieder und ich mitten drin, die Laberschlange, der zähe Strom bei dem nix weitergeht, wo ich am liebsten laut und aus tiefster Seele:

„Ja Himmel, Arsch und Zwirn – ZACK ZACK!!“ brüllen möchte.

Ich knirsche mit den Zähnen und Gedanken. Der Trenchträger erzählt von seinem Dackel Ilse, dem kleinen Tunichtgut, um allen die Wartezeit zu versüßen.
Die Verkäuferin lächelt und ist nett zu ihm und ich ärgere mich und bin böse. Dumme Ohren hat er, richtig kleine Kümmerlinge.

Da fällt mein Blick auf die Zuckerketterl in der Plastikdose hinter dem Tresen.
Die hab ich seit 30 Jahren nicht mehr gesehen.
Es ist einer dieser „Instantflashbacks“. (Im Film würde man jetzt eine Rückblende einspielen, wie ich als bezopfte 5-jährige mit so einer Kette um den Hals sorgenlos über die Wiese hopse.)
Was hab ich die geliebt, von wegen diamonds are a girls best friends…
Ich starre die Perlen an.
Und dann schäme ich mich auf einmal ein klitzekleines bisschen.

Als ich an der Reihe bin und die Verkäuferin das Wechselgeld reicht, bricht es verschämt aus mir raus.

„… ach bitte, und, uhm, noch so ein, so ein Zuckerketterl bitte.“

003

Die Dame lächelt das Ilse-Dackel-Lächeln und holt die Dose vom Regal.

„Kette oder Uhr?“

Öha. War ich jetzt nicht drauf gefasst.
Ich bin etwas verunsichert.
Ich zögere.
Ich drehe mich instinktiv um. Mir ist, als ob irgendwer hinter mir auf meine Ohrläppchen starrt.
Die Kioskdame ist sehr verständnisvoll und holt einfach beides aus der Dose. Dann legt sie jeweils eine Zuckerketterl-Uhr und Zuckerketterl-Kette so vor mich hin, als wäre es hoch exklusive Ware und wir beim Juwelier.
„Da waren wir doch früher alle verrückt danach“, nickt sie mir verschwörerisch zu.
Ich kichere schüchtern.
Dann strahle ich sie plötzlich an.
Ich muss mich ja gar nicht entscheiden! Ich kann mir diesen Luxus doch auch mal leisten, was kost‘ die Welt?
Außerdem ist das ja schließlich eine Art Set, die sollte man schon zusammentragen.

Ich gackere leise und gerade noch rechtzeitig fällt mir ein, die Perlen nicht mit dem Provisoriums-Backenzahn abzubeißen.
Ich glaube sogar fast ich bin dann ein bisschen gehopst und dann sind mir die Schleckmuscheln eingefallen, die die Bäckerin meinem Bruder und mir immer geschenkt hat. Die Brausestäbchen der Kramerin, wenn sie sich mit meiner Mutter unterhalten hat und wie das in der Nase gekitzelt hat, wenn man ihren Duft aus Versehen eingeatmet hat und das Gratis-Würstl und die Witze vom Metzger, und wie schön diese Dinge waren, und wie meilenweit weg von Zackzack.
Auf meiner Armbanduhr ist es 5 vor 12 und das ist gut so, weil es auf der Uhr bestimmt niemals später wird bzw. zu spät sein wird.
Es sei denn, ich ess das Zifferblatt auf.

007

(Poupette posing avec dem Zuckerketterl)

Advertisements