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Hey, hab ich etwa je behauptet, dass es eine gute Idee ist auf Friedhöfen zu joggen? Hab ich das je getan?!
Oh, o.k., vielleicht hab ich ein-, zweimal was in der Richtung fallen lassen.
Ich bin halt nicht verrückt nach Hunden, vor allem im Englischen Garten, diese elenden kleinen freilaufenden Wadlbeißer.
Ich hasse so vieles am Joggen.
Die mir entgegenglotzenden Spaziergänger. Wobei ich natürlich weiß, dass ich mir das nur einbilde. Die glotzen natürlich nicht wirklich. Ha ha, die werden auch was Besseres zu tun haben, als auch mich zu schauen. In Wahrheit ist das meine verdammte Egozentrik, die achten ja sowas von überhaupt gar nicht auf mich!
(Insgeheim bin ich natürlich trotzdem davon überzeugt, dass die glotzen. Dass die einen Riesenspaß dran haben, einem untrainierten Möchtegern-Jogger den Schneid abzuglotzen. Die warten doch den ganzen Tag auf mich und haben dann eine Riesenhetz, wenn ich wie ein Walross vorbeihechel, ganz klarer Fall.)
Ich bin halt auch echt nicht schnell und werde deshalb von fast jedem überholt. Mir rufen selbst Rentner mit Hacklstecken aufmunternd gemeinte Durchhalte-Parolen zu.
Ich weiß natürlich auch, dass das symptomatisch für mich ist und dass ich mich einfach aufs Laufen konzentrieren sollte und nicht auf Gott und die Welt drum herum. Aber ich kann das ja sonst auch nicht.
Warum sollte ich also hier plötzlich meine Umwelt ausblenden können, frage ich Sie?

Da bin ich halt irgendwann mal draufgekommen, dass Friedhöfe die Lösung sind. Also jetzt nicht ultimativ, aber im Laufkontext.

Herrje ich weiß das selber. Kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit Moral. Das ist genau der Punkt, wo sie mich kriegen können. Ich bin katholisch erzogen, und wenn Sie mir jetzt einfach ganz direkt sagen, dass sich so was nicht gehöre, dann muss ich Ihnen zustimmen. Diesem Argument komm ich innerlich nicht aus.

Aber ansonsten war das immer die optimale Lösung für mich.

Immer frühmorgens laufen, wo wirklich NIEMAND unterwegs ist, kein Köter (die sind auf Friedhöfen nicht erlaubt, höhö), keine Menschen, nada.
Ich hab dann immer an meine tote Oma gedacht, ob die das jetzt explizit stören würde, wenn ich an ihr vorbeilaufe (wie gesagt, ich bin so langsam, genau genommen geh ich ja eher ein bisschen schnell). Hab ich mir selbst gesagt, nee, würd Sie nicht stören.
Auf Friedhöfen kann man so gut die Runden zählen. Weil alles so quadratisch abgezirkelt ist. Und ich bin auch nie auf den Mittelwegen gelaufen, immer schön außenrum.

Ja, hören Sie auf sich aufzuregen. Passt schon. Ich machs ja eh nicht mehr.

Letzte Woche, 6:48

Ich laufe, im Ohr „uuuh, sieh sätt görl, wotsch sätt scien, dickinse dänsing kwien..“
Fährt ein Auto hinter mir, einer dieser Friedhofsgärtner-Vans, hab ich sofort gespürt. Wusste ich natürlich auch gleich, jetzt hat die schöne Zeit ein End. Bin natürlich weiter gelaufen. Ich unterbreche meinen Rundenrhythmus nicht freiwillig hab ich mir gedacht, das wird jetzt rausgezögert.
Fährt der Van dann im Schneckentempo neben mir (ich sagte ja, dass ich auf der langsamen Seite bin), kurbelt wer das Fenster runter.
Ich lauf weiter, hab ich mir gedacht, „jang and swiet, only sewentiehn“
Sehe ein südländisches Gesicht aus den Augenwinkeln.
„Nicht laufen hier.“
Lauf ich weiter. Ich weiß ja, was jetzt kommt. Ich weiß es eh, ich weiß, jetzt ist meine Laufkarriere auf diesem Friedhof zu Ende. Ich wills rauszögern. Lauf weiter, vielleicht schaff ich Dancing Queen noch.
„Warum?“
Er fährt im Schrittempo neben mir hier.
„Ist Gesetz.“
Lauf ich weiter.
„Warum?“
Er wiederholt etwas hilflos:
„Ist Gesetz.“
Lauf ich weiter.
„Warum?“
Mir ist klar, mit dem Typ Friedhofsgärtner könnte ich dieses Spiel noch ewig so weitertreiben. Könnte auch was sagen von wegen „Sehen Sie, wie absurd Sie argumentieren, ist Gesetz, ist Gesetz, was soll das denn heißen, dieses typisch Deutsche, dass Sie, bla bla…“
All das schießt mir freilich durch den Kopf.
Aber ich weiß auch, dass es nichts nützt. Ich wusste es in dem Moment, als ich den Schatten des Autos hinter mir gespürt habe. Hilft ja nichts. Ich muss endlich lernen, mich beim Laufen auch mich zu konzentrieren. Muss durch die Hunde, Fußgänger, Radfahrer und bessere Läufer durchlaufen können. (Bzw an ihnen vorbei. Wäre irgendwie fairer.)
Bei mir bleiben.
Einmal gönne ich mir noch ein:
„Warum?“
Und einmal sagt er noch:
„Ist Gesetz!!“

Dann dreh ich mich abrupt um und lauf zum Ausgang. (Voll frech, weil jetzt, wo ich weiß, dass es Gesetz ist, dürfte ich das ja erst recht nicht mehr.)

Verlasse ich den Friedhof eben.
Dancing Queen ist eh aus.

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