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Er ist eingeschlafen auf der Küchenbank. Ich wecke ihn sanft an der Schulter.
Komm ins Bett.“
Er dreht den Kopf auf die andere Seite. 
„War´s schlimm?“

Kaum hörbar: „Vielleicht“.
„3:0?“, frage ich mitfühlend.
Sein Blick ist verhangen, fast tonlos die Antwort.
„4:0“
Der FC Bayern hat gestern im Champions League Halbfinale in der Allianz Arena gegen Real Madrid 4:0 verloren.
Fan sein ist schön und manchmal tut es weh.
Wir, die so selten echte Fans von irgendetwas sind, können diese Tiefe des Empfindens kaum nachvollziehen, machen uns oft sogar darüber lustig. Wir drücken schließlich täglich 50 Mal „Gefällt mir“ und bekennen unsere Anhängerschaft zu pinken Pudeln, Chucks oder Haribo-Gummibärchen.

Ich habe großen Respekt vor so viel Hingabe, aber als Partnerin man muss eine Einstellung dazu finden, oh ja, das muss man.
Der Mann, der mich im Alltag ständig ermahnt die Lautstärke meiner Stimme in Restaurants zu drosseln und meine Tasche im Zug nicht auf den Platz neben mich zu stellen, damit sich da auch noch wer anders hinsetzen kann, ist erfrischend schmerzfrei, wenn es um darum geht, seine Zugehörigkeit zum FC Bayern München zu demonstrieren.
Da darf man sich dann als Freundin nicht anstellen, auch nicht im Urlaub. Man ist auch wirklich nur beim allerersten Mal überrascht, wenn er, der sonst nur mit dem nötigsten Handgepäck reist, trotzig verschämt sein Bayern Trikot und bei größeren Anlässen (Champions League/Bundesliga/Schwipp Schwapp-Finale) gerne auch mal die Lederhose aus dem Koffer friemelt. Und dann sitzen wir in Paris, Griechenland, Mallorca oder wo auch immer in einer Kneipe und haben es schön.
Während andere krakeelen, das Spiel analysieren und den anwesenden Frauen auf den Arsch glotzen, ist sein Blick fest auf die Leinwand geheftet.
Für ihn geht es wirklich und ausschließlich nur um den Fußball.
Typisch sind spontane Ausbrüche. (Ich sag nur „Rote-Karten-Situation“, immer äußerst kritisch. Er braucht immer ein bisschen um die Situation zu verarbeiten und wenn alle anderen Zuschauer schon wieder ruhig sind, brüllt er plötzlich in voller Lautstärke „Ja SCHEISSE das war doch ROT!!“. Ja, spätestens da is the audience dann listening und wir haben die attention. Obwohl ich mir angewöhnt habe in solchen Situationen gewinnend nach allen Seiten zu lächeln, rücken die Menschen dann immer ein bisschen von uns ab. Auch die, die vorher noch leutselig einen auf „Wir-Deutschen-müssen-doch-zusammenhalten“ gemacht haben. Ich habe mich dazu erzogen, stolz auf ihn zu sein und die unsolidarischen Pseudos alle zu verachten.
Ein bisschen neide ich ihm sein Fansein. Es erinnert mich an früher, wo ich mich auf Parties auch immer erst getraut habe zu tanzen, wenn schon andere auf der Tanzfläche waren. Wenn der FC Bayern eine Party ist, dann ist er von Anfang an mittendrin und lässt es krachen mit einer „so what – mir doch egal“ -Attitüde.

Es gibt viele Dinge, die ich am Fußball und besonders beim FC Bayern nicht verstehe.
Letzten Samstag war ich in der Allianz Arena dabei, gegen Bremen. Das ist fast ein bisschen wie Gottesdienst in der katholischen Kirche.
Da ist auch nicht alles witzig, ich verstehe vieles nicht, jeder geht hin, alles wird mit großem Pomp zelebriert und stehen muss ich auch die ganze Zeit.
Im normalen Leben bin ich furchtbar pingelig und schnell gereizt, wenn mir jemand zu nahe kommt, in mein Ohr plärrt, ich gezwungen werde Gespräche mitanzuhören, wenn mir jemand Rauch ins Gesicht bläst oder mir die körperlichen Ausdünstungen anderer Menschen in die Nase steigen. Dann bin ich konsequent und verlasse Räume, wechsle Städte und Wohnungen.
Ha! Mit den Allüren brauchst Du bei einem Fußballspiel erst gar nicht anfangen!
Weil ich kein echter Fan bin, ist es für mich auch so wichtig, ein Bier zu trinken, denn das setzt meine Reizschwelle rauf.
STADIONSIMPRESSIONEN:

Immer wenn die Bayern ein Tor schießen, wird das zelebriert.
Der Stadionsprecher (der wie mein Kater Herr Lehmann heißt) nennt den Vornamen des Spielers und dann brüllt das ganze Stadion den Nachnamen.
Herr Lehmann:Der Spieler mit der Nummer blabla, Frooonk“
Stadion:RI-BE-RY“
Herr Lehmann:Frooonk“
Stadion:RI-BE-RY“
Herr Lehmann:Froooooonk“
Stadion:“RI-BE-RY“.
Dann sagt er die Tore der Bayern und dann, ach und das ist wieder so witzig, den Torstand der anderen Mannschaft und, jetzt kommt´s: der ist IMMER NULL!
Herr Lehmann: „FC BAYERN:“
Stadion: „Füüünf“
Herr Lehmann: „Bremen:“
Stadion: „Nuuuull“
Egal ob die was schießen oder nicht! Deshalb wusste ich dann beim Heimgehen auch gar nicht mehr, wie das Spiel ausgegangen ist. Dann sagt Herr Lehmann übrigens immer noch „Bitte!“ und das Stadion sagt „Danke!“.
Herrjeh, das hat Klasse, das hat Witz! Da bin ich dabei!
Überhaupt wer´s mit Ritualen hat, wird glücklich bei so einem Spiel, das ist ja geradezu vollgepfropft mit immer wiederkehrenden Scherzen und exzentrischen Schrullitäten die begeistern.
Anfangs bin ich sehr neidisch, weil sich alle einfach so trauen die Spielernamen zu brüllen. Da fallen ja alle Hemmungen, wirklich wahr. Ich bin neidisch, weil ich weiß, wie schön und befreiend es ist so zu brüllen. Zaghaft öffne ich den Mund und murmle: „Ribery„. Und alle tanzen ausgelassen „We will rock you“ und ich scheiß mich an und steh am Rand der Tanzfläche, grad wie früher.
Bei Pizarro konnte ich schon mehr Stimme geben, aber bei Robben, ha! Bei Robben hab ich dann selbst mal ordentlich die Sau rausgelassen.
„ROOBBENNN!“ Ha!
Nach dem Bier ging´s leichter.
Wenn übrigens ein Spieler der Gegenmannschaft ein Tor schießt, dann sagt Herr Lehmann lediglich emotionslos und beiläufig: „Tor geschossen vom Spieler mit der Nr. x.“  So lustig.

Bei kleinen Kindern steht meist „Mario Götze“ auf dem Trikot, bei Müttern „Thomas Müller“, Männer tragen gern „Frooonk Ribery“ und zierliche, blonde Frauen schmücken sich mit „Philipp Lahm“.
Immer wenn der Name Bastian Schweinsteiger fällt, brüllt das ganze Stadion „Bastian Schweinsteiger Fußballgott!“
Ich erkundige mich bei meinem Freund, warum die ihn so nennen. Die Augen auf das Spielfeld geheftet, murmelt er: „Weil er ein Halbgott ist und von Fußballgöttern abstammt.“
Erwäge mir ein Schweinsteiger Trikot zuzulegen. Weil ich ihn immer Schweinebär nenne und weil eine gute Freundin von mir bei ihm einmal um 6 Uhr in der Früh unangemeldet eine Dopingkontrolle durchgeführt hat. (Die darf das, die kriegt das bezahlt.) An seinem Klingelschild steht auch nicht sein Name, sondern irgendwas mit Motorrädern oder Kopierern oder Eismaschinen, ich weiß es nicht mehr genau.)

Was noch witzig ist: die müssen Lieder singen.
Ein Arbeitskollege von mir, ein großer FCB-Fan, hatte sich einmal sehr über etwas geärgert und da habe ich vertrauensvoll ins missmutige Gesicht „Ein Schuss, ein Tor, die Bayern – „ frohlockt. Er quetschte zwischen zusammengepressten Zähnen „die Bayern!“ heraus.
Das ist so cool, verstehen Sie, die MÜSSEN das dann sagen, da können gar nicht anders, die müssen!
Mein Freund findet es äußerst töricht, wenn ich frühmorgens „Ein Schuss, ein Tor, die Bayern -„ singe und ihm dann altklug nickend die Zahnbürste als Mikro hinhalte. Er mag es nicht, aber sagt trotzdem jedesmal grämlich „die Bayern.“ Hahhaha, ich sags ja. Die müssen.

Da gibt es die in der Südkurve hinter dem Tor, die pausenlos Fahnen schwenken, das muss so anstrengend sein. Da gibt es einen der die Fan-Gesänge dieser Masse dirigiert. Ich weiß nicht, ob er wirklich irgendwas zu sagen hat, oder sich nur wichtig macht. Irgendwann zieht er sein T-Shirt aus und ich glaube er fühlt sich sehr gut, als er da so steht und einmal scheinbar den Ton angibt. Da gibt es den Mann hinter mir, der schon zu Spielbeginn so betrunken ist, dass er das ganze Spiel verschläft. Da gibt es die Frau, die einen dummen Sepplhut trägt und blöde Witze über Uli Hoeness macht und den Mann, der die ganze Zeit auf fränkisch das Spiel analysiert.
Klar, die kann man sich alle nicht aussuchen.
Aber es gibt auch die zwei 16-jährigen Jungs neben mir, die sich freuen und klatschen und Spezi trinken.

In der Pause sagt Herr Lehmann, dass wir jetzt den aktuellen Einspieler der Fan-Gesänge meines Lieblingsliedes „Stern des Südens“ sehen. Die Menschen in dem Einspieler sind so unterschiedlich, wie die Menschen um mich herum. Sie sind rührend, gruselig und lustig. Aber irgendwie sind sie alle glücklich in dem Moment, in dem sie das Lied singen.


Es ist vermutlich ein zutiefst menschliches Bedürfnis einer Gruppe anzugehören, einer Gemeinschaft. Das, womit ich mich immer so schwer tu, weil ich mich schäme, meine ach so wichtige Individualität zu verraten. Weil ich Angst habe, irgendwer könnte mir faschistoide Tendenzen unterstellen, wenn ich in der Masse gröle, klatsche und eine Fahne schwenke. Weil ich bei so was eher peinlich berührt am Tanzflächenrand rumkrebse, anstatt da zu sein, wo der Bär steppt.
Dabei ist es doch so berührend und faszinierend zu beobachten, was wir immer wieder erleben dürfen, wenn auf größerer Ebene Fußball gespielt wird in Deutschland. Wie Menschen friedlich in großen Gruppen einfach eine gute Zeit zusammen haben und für eine kurze Zeit die Einsamkeit vergessen.
Gestörte und Idioten muss man bei solchen Menschenansammlungen immer in Kauf nehmen. Trotzdem bleibt von solchen Abenden immer ein gutes Gefühl zurück, egal wie verkorkst ich mich am Anfang gefühlt habe.

Wenn ich aus Hamburg oder Bremen oder Dortmund oder sonstwoher käme, wäre mein Erleben, meine sympathisierende Besuchermentalität  vermutlich genau die gleiche. Wie wäre ich wohl als Fan? Oder noch schlimmer, als männlicher Fan?
Vermutlich ein richtiger Proleten-Schläger, der sein T-Shirt auszieht und sich einbildet die Massen zu dirigieren. Oh Gott oh Gott.
Nein, so ist es gut eingerichtet und ich gehe gerne mit wenn eine Karte übrig ist, sogar fast noch lieber als in die katholische Kirche, auch wegen dem Gesamterlebnis.

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