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Es war einmal ein Mann.
Der Einfachheit halber wollen wir ihn Herr Kurt nennen. (Genau genommen könnte Herr Kurt auch eine Frau sein und Chantal heißen. Aber dann wäre dies hier vermutlich keine Geschichte, sondern eine Reportage auf RTL 2.)

Herr Kurt hatte keine Schmetterlinge mehr im Bauch.
Er war nicht krank, aber gekränkt und irgendwer musste dafür bezahlen.  Wiedergutmachung!, forderte Kurt.
Aber wie kann man etwas „wieder-gut-machen“, was von Anfang an nicht heil gewesen ist?
Als Herr Kurt Kind war, hatte er ein kleines, giftgrünes Album auf dem „Meine Freunde“ stand geschenkt bekommen. Weil er es niemandem geben wollte, hatte nach einem halben Jahr sein Vater hineingeschrieben:
„Das Glück ist wie ein Omnibus, auf dem man täglich warten muss
und kommt er endlich angewetzt, dann ruft der Schaffner: „Schon besetzt!“

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Er würde nicht so weit gehen und seinen Vater generell als Lügner bezeichnen, aber immerhin war das der selbe Mann, der ihm versucht hatte weiszumachen, man könne alles im Leben erreichen, wenn man sich nur genügend anstrengt.
Die Prokuristin der Nudelfabrik, in der er arbeitete, jammerte nie und dafür bewunderte er sie sehr. Er verehrte sie, weil sie so herrisch mit den Lastwagenfahrern sprach, vor denen er sich fürchtete.
Aber geliebt hatte sie ihn trotzdem nicht. Egal wie sehr er sich angestrengt hatte.058

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Es war fast wie eine Epidemie. Ein  flatterhaftes Etwas. Streifte seine Wange, die Bartstoppeln. (Bis ihn die Powerprokuristin vor allen ausgelacht hatte, war er noch jeden Morgen glattrasiert zur Arbeit erschienen.)
Herr Kurt machte eine unwirsche Handbewegung und gab sich dabei selbst eine Ohrfeige.

Da waren plötzlich noch zwei von denen und da lümmelten gleich drei von den Nichtsnutzen in der Sonne!
Und lachten sich scheckig über sein dummes Gesicht. We are  butterflies! tschilpten sie .
Aha, Butterfliegen, knurrte Kurt verächtlich. Er hasste es, wenn jemand anders sprach, als er es verstehen konnte. Dann machte er immer einen Witz. (Wenn sich andere dann beschwerten, sagte er, sie hätten keinen Humor. Den Trick hat er sich selbst beigebracht.)

Die butterflies dufteten zart nach Meer und waren unerhört bunt und fröhlich.
Herr Kurt hasste alles, was er nicht einsperren konnte in seinem Kopf.

Sie saßen überall.
Der Mann, dessen Kleidung immer ein bisschen zu groß für ihn war, folgte ihnen gegen seinen Willen.
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Tirili. Einer von den filigranen Pennern war auf seinem Knie gelandet.
„Sieh doch das Geheimnis, Herr Kurt!

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Es ist vergraben im Schmutz.“

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„Lachen macht Glück?“
Verächtlich verzog er die Lippen.
„Fühl die Liebe! Sieh die Sonnenstrahlen! Hör das Kinderlachen! Sieh, wir sind sogar im tiefen Eis, im Dreck und auf verrosteten Reifen,
Du musst nur vertrauen!
Vertrau dem Leben!“

„So einfach?“
„So einfach“, tschilpten die Flatterpapillons.

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Und da fühlte Herr Kurt und sah und hörte.
Er dachte an das Fräulein. Dachte daran, wie weh es tat.
Dann nickte er langsam und bedächtig.

Manchmal, für einen kurzen Moment, ist alles gut im Leben.
Diesen einen kleinen Moment

nutzte Herr Karl und fing die Schmetterlinge,

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warf sie in kochendes Wasser –

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und frass sie auf.

Die Liebe war Herrn Kurt immer schwer im Magen gelegen.
Diese Dinger hingegen mundeten ihm ganz vorzüglich.
Als er seine fettglänzenden Lippen abtupfte, lachte er hell auf.
Ungeziefer dachte er.
Küchenpsychologie.

Und da tat es ihm plötzlich nicht mehr ganz so weh.

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