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„Es geschah am hellichten Tag“ mit Heinz Rühmann als Inspektor Matthai und Gert Fröbe als Kindermörder: Ich habe die Verfilmung gekannt, lange bevor ich das Buch gelesen habe und zeitlebens hat es mir vor diesem Film gegraust.
Ein alter Schauspieler, der mit Gert Fröbe Theater gespielt hat, hat mir einmal erzählt, dieser habe zu ihm gesagt, dass er diese Rolle niemals angenommen hätte, wenn er um die Konsequenzen gewusst hätte. So überzeugend sei er als Kindermörder gewesen, dass ihn die Leute auf der Straße angespuckt hätten.

Im Frühjahr 1957 hat der Filmproduzent Lazar Wechsler bei Friedrich Dürrenmatt eine Filmerzählung mit dem Thema „Sexualverbrechen an Kindern“ bestellt. Beabsichtigt war, vor dieser immer häufigeren Gefahr zu warnen. Dürrenmatt selbst distanziert sich im Klappentext etwas halbherzig von der Verfilmung, die er zwar gelungen, jedoch in einigen Teilen nicht mehr seiner Vorlage entsprechend fände. Letztlich habe sie jedoch im Wesentlichen seiner Intention entsprochen, nur habe er als Schriftsteller weiter gedacht, jenseits des Pädagogischen.

Inhalt:

Kriminalkommissär Matthai ist ein einsamer Mensch.
Er ist stets sorgfältig gekleidet, unpersönlich, beziehungslos, keiner Partei angehörend, ein Mensch, der weder trinkt noch raucht, aber ebenso hart wie unbarmherzig sein Metier beherrscht, so verhasst wie erfolgreich ist.
Matthai steht auf dem Höhepunkt seiner Karriere als der Fall Gritli Moser seinen Weg kreuzt.
Er ist im Begriff nach Jordanien abzureisen, um in Amman die ortsansässige Polizei zu reorganisieren, als ihn ein Anruf aus Mägendorf, einem kleinen Nest in der Nähe von Zürich aufhält. Ein ehemaliger „Kunde“, der Hausierer von Gunten wird verdächtigt das kleine Mädchen Gritli Moser in einem ortsnahen Waldstück ermordet zu haben.

Die Bauern waren bereits zusammengeströmt, hatten von Gunten entdeckt, hielten ihn für den Täter, Hausierer sind immer verdächtig.
„Gebt ihn heraus!“ Die Mägendorfer scheinen zur Lynchjustiz greifen zu wollen. Aber Matthai und der Staatsanwalt geben ihn nicht heraus, sie nehmen ihn ins Kreuzverhör und in der darauffolgenden Nacht erhängt sich der Bettler in seiner Zelle.
Der Fall scheint abgeschlossen.

TEXTAUSZUG 1:
(Matthai muss den Eltern Gritli Mosers den Tod ihres Kindes mitteilen)

„Das Gritli ist im Walde bei Mägendorf tot aufgefunden worden„, sagte er.
Moser rührte sich nicht. Auch die Frau nicht, die immer noch in der Türe stand mit ihrem roten Rock. Matthäi sah, wie dem Manne auf einmal Schweiß über das Gesicht floss, Schweiß in Bächen. Er hätte gerne weggeblickt, aber er war gebannt von diesem Gesicht, von diesem Schweiß, und so standen sie da und starrten einander an.

„Das Gritli ist ermordet worden“, hörte sich Matthäi sagen, mit einer Stimme, die ohne Mitgefühl zu sein schien, was ihn ärgerte.
„Das ist doch nicht möglich“, flüsterte Moser, „es kann doch keine solchen Teufel geben“, und dabei zitterte die Faust mit dem Beil.
„Es gibt solche Teufel, Herr Moser“, sagte Matthäi.
Der Mann starrte ihn an.
„Ich will zu meinem Kinde„, sagte er fast unhörbar.
Der Kommissär schüttelte den Kopf.
„Das würde ich nicht, Herr Moser. Ich weiß, es ist grausam, was ich jetzt sage, aber es ist besser wenn Sie nicht zu ihrem Gritlil gehen.“
Moser trat ganz nahe an den Kommissär, so nahe, dass sich die beiden Männer Auge in Auge gegenüberstanden.
„Warum ist es besser?“, schrie er.
Der Kommissär schwieg. Matthai wartete. Es entging ihm nichts und er wußte auf einmal, dass er diese Szene nie mehr vergessen würde. Moser umklammerte seine Frau. Er wurde plötzlich von einem unhörbaren Schluchzen geschüttelt. Er barg sein Gesicht an ihrer Schulter, während sie ins Leere starrte.
„Morgen dürfen sie Gritli sehen“, versprach der Kommissär hilflos. „Das Kind wird dann aussehen, als ob es schliefe“.
Da begann plötzlich die Frau zu sprechen.
„Wer ist der Mörder?“, fragte sie mit einer Stimme, die so ruhig und sachlich war, dass Matthäi erschrak.
„Das werde ich herausfinden, Frau Moser.“
Die Frau schaute ihn an, drohend, gebietend. „Versprechen Sie das?“
„Ich verspreche es, Frau Moser“, sagte der Kommissär, auf einmal nur vom Wunsch bestimmt, den Ort zu verlassen.
„Bei ihrer Seligkeit?“
Der Kommissär stutzte. „Bei meiner Seligkeit“, sagte er endlich. Was wollte er anderes.
„Dann gehen Sie“, befahl die Frau. „Sie haben bei Ihrer Seligkeit geschworen.“

Matthai, der stets in Hotels gewohnt hatte, um sich nicht mit der Welt konfrontieren zu müssen, der diese Welt wie ein Routinier bewältigen wollte, ohne mit ihr zu leiden, wird immer tiefer in diesen Fall gezogen, verliert die Distanz.
Er will das Leid der Eltern nicht mehr sehen, will sein Versprechen nicht halten, will zurück in seine Überlegenheit, seine unpersönliche Lebenshaltung, will die alte Gleichgültigkeit wieder in sich aufsteigen lassen, doch es gelingt ihm nicht mehr. Dieses ermordete Mädchen lässt ihn nicht mehr los.

TEXTAUSZUG 2:
(Matthai geht in die Schulklasse von Gritli Moser, alles Kinder von 6 bis 8 Jahren)

„Ich trat vor die Klasse. Die Mädchen trugen meistens noch Zöpfe und bunte Schürzen. „Ihr werdet gehört haben“, sagte ich, „was Gritli Moser zugestoßen ist. Ich bin von der Polizei und es ist meine Aufgabe, den Mann zu suchen, der das Gritli getötet hat. Ich will nun zu euch nicht wie zu Kindern, sondern wie zu Erwachsenen reden. Der Mann, den wir suchen, ist krank. Alle Männer sind krank, die so etwas tun. Und weil sie krank sind, versuchen sie, die Kinder in ein Versteck zu locken, um sie zu verletzen, in einen Wald oder in einen Keller, was es auch immer für verborgene Orte gibt. Und manchmal geschieht es dann, dass solche Männer ein Kind so schwer verletzen, dass es sterben muss, wie es dem Gritli ergangen ist. Wir müssen diese Männer deshalb einsperren. Sie sind zu gefährlich, um in Freiheit leben zu können. Ihr werdet nun fragen, weshalb wir sie nicht vorher einsperren, bevor es zu einem Unglück kommt wie dem mit Gritli?
Weil es kein Mittel gibt, diese kranken Menschen zu erkennen. Sie sind innerlich krank, nicht äußerlich.“

Gritlis Freundin Ursula zeigt Matthai ein Bild von einem Riesen, das Gritli kurz vor ihrem Tod gemalt hat.
„Gritli hat niemanden getroffen?“
„Schon jemand“, antwortete das Mädchen.
„Wen denn?“
„Keinen Menschen“, sagte das Mädchen. Ich wunderte mich über diese Antwort.
„Was willst Du damit sagen, Ursula?“
„Es hat einen Riesen getroffen“, sagte das Mädchen.
„Du willst sagen, es sei einem großen Mann begegnet? Wie groß war er denn?“
„Wie ein Berg“, antwortete das Mädchen,„und ganz schwarz.“
„Und hat dieser – Riese – dem Gritli etwas geschenkt?“, fragte ich.
„Ja“, sagte das Mädchen.
„Was denn?“
„Kleine Igel. Der ganze Riese war voller kleiner Igel.“
„Das ist doch Unsinn, Ursula“, widersprach ich. „Ein Riese hat doch keine Igel!“
„Er war eben eine Igelriese“, beharrte das Kind.

„Gritli war ein poetisches Kind“, antwortete die Lehrerin und schaute mit traurigen Augen irgendwohin. „Ich sollte jetzt den Choral weiterüben. Für die Beerdigung morgen. Die Kinder singen ungenügend.
„So nimm denn meine Hände und führe mich“, sangen die Kinder aufs neue.

Matthai ist sich sicher, dass Gritli Moser mit dem Igelriesen ihren Mörder gezeichnet hat. Es wäre leicht, sich abzuwenden, für seine Chefs gilt der Fall ohnehin als abgeschlossen. Matthai packt seine Koffer, um die Reise nach Jordanien anzutreten – und kehrt am Flughafen um. Als er am Rollfeld Kinder sieht, dreht er um, weil er weiß, dass er nicht fortgehen kann, solange Gritlis Mörder noch frei herumläuft.

Matthai fängt also an, auf eigene Faust zu ermitteln.
Er verlässt den Polizeidienst und übernimmt in Graubünden eine Benzintankstelle. Die Tankstelle Matthais wird eine Art Pilgerort für die Unterwelt der ganzen Ostschweiz.
Matthai sieht sich als Fischer, als Fischer, der einen ausgewachsenen Raubfisch fangen möchte. Wo also hält sich also der Fisch, den er fangen möchte, am liebsten auf? Welchen Köder benötigt man?
Einen Raubfisch muss man mit etwas Lebendigem fangen.
Matthai nimmt eine Frau auf, die ihm den Haushalt versorgt, eine Frau mit einem kleinen Mädchen im Alter von 6 Jahren.
Dieses Mädchen ist Matthais lebender Köder. An der Straße entlang baut er Gegenstände auf, die auf die Gegenwart eines Kindes schließen lassen:
eine Schaukel, ein großes Puppenhaus auf einer Bank, ein Puppenwagen, ein Schaukelpferd.

Und dann wartet Matthai, unerbittlich, hartnäckig, leidenschaftlich. Das Kind stets an seiner Seite oder beim Puppenhaus, trippelnd, hüpfend, vor sich hinredend, singend, staunend, mit fliegenden Zöpfen und im kurzen Rock.

Matthai wartet.
Es gibt für ihn nichts anderes mehr, als diesen Glauben, dass der Mörder Erscheinen würde. Er denkt daran, wie er ihn zerschlagen würde, wie dieser winseln und gestehen würde.

Die Zeit vergeht, es gelingt Matthai nicht Gritlis Mörder zu stellen. Matthai verkommt, fängt zu saufen an und wirr zu werden, Matthai verblödet.
Der Erzähler der Geschichte stellt in Aussicht, wie Matthais Geschichte ausgehen hätte sollen und können (die Version, die letztlich für die „Es geschah am hellichten Tag“ Verfilmung mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe gewählt wurde).
Aber der Leser erfährt auch, wie es wirklich weiterging:
Auf ihrem Sterbebett erzählt die alte Frau Schrott von ihrem „Albertchen“, ihrem 30 Jahre jüngeren Mann, der Stimmen vom Himmel gehört habe, die ihm befohlen hätten, kleine Mädchen mit gelben Zöpfen und roten Röcklein zu töten. Es sei ja nicht allzu oft gewesen und ohnehin sei es so leichtsinnig, wie die Mütter ihre Kinder heutzutage kleideten. Und ansonsten hätte das Albertchen stets selig treu seine Pflicht getan und am Kaninchenstall herumgeflickt und den ganzen Hof blitzsauber gehalten. Da habe sie gedacht, dass „was geschehen sei, sei halt geschehen und im Grunde sei das Albertchen ja nun doch ein braver Mensch, herzensgut im Grunde. Und es sei ja auch kaum mehr vorgekommen.“

Ich lese den letzten Absatz des Buches und balle meine Faust, weil soviel ignorante Grausamkeit schwer auszuhalten ist.
Und weil es sie da draußen wirklich gibt, die Menschen, die diesen Namen nicht mehr verdienen, die wie Raubtiere durch die Nacht und den Tag schleichen.
Igelmörder.
Weil man bei Igelmördern in anderen Dimensionen denken muss.
Weil es plötzlich nicht mehr darum geht, dass sie Dich nicht grüßen, sondern dass sie Dein oder das Leben Deiner Kinder wollen.
Weil sie Stimmen hören oder sich rächen wollen, für Unleid, dass sie erfahren haben, für das Du nichts kannst, aber Du stehst halt einmal in Deinem Leben am falschen Ort zur falschen Zeit.

Im Film macht Heinz Rühmann am Ende mit einer Kasperlpuppe für das kleine Mädchen seiner Zugehfrau Faxen, als ob der Schrecken, der mit diesem Thema verbunden ist, etwas abgemildert werden soll.
Das Buch endet gestörter, realistischer.
Die Welt ist eben nicht nur Bullerbü, die Welt ist auch ein grausamer Ort, weil der Mensch stets das gesamte Potential in sich trägt, jeder von uns. Es braucht verdammt wenig, ein etwas geänderter Stoffwechsel, einige degenerierte Zellen und der Mensch ist ein Tier.

Ambivalente Welt, gutes Buch.

 

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