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Als Kind habe ich ihn immer mit Winston Churchill verwechselt, beides dicke Engländer.

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Neulich waren wir im Kino, „Hitchcock“.
Betty muss noch mal aufs Klo und während ich die Colas und Regenschirme halte denke ich, wie sehr ich die heile Welt in den Hitchcock Filmen mag.
Und Betty kommt und ich sage ihr das und sie sagt „Hä?“ während wir uns in die dritte Reihe von vorne quetschen, wo uns für den Rest des Filmes ein seltsamer Vogel seine Beine in den Rücken rammen wird.

Ich berichtige meine Gedanken und sage Betty, dass es natürlich die Machart seiner Filme sei, die ich so mag. Und ich sage meinen Gedanken, was ihr meint, ist nicht die gute heile Welt, sondern dass er Geschichten erzählt. Dass es bei ihm nicht um 3 D oder sonstigen Schnickschnack geht, sondern um die Geschichte eines Menschen, der von ….verfolgt.. Und meine Gedanken und Betty geben mir sofort recht und an diesem Punkt sind wir uns alle mal wieder einig.

Wir sind uns auch darüber einig, dass außer unserem Hintermann noch viele andere komische Vögel in dieser Nachmittagsvorstellung sitzen.
Filmfreaks, Toupetträger, nerdige Sonderlinge, Typen wie wir.

Was ist das für ein eleganter Film.
Die lustigste Szene, die ich seit langem im Kino gesehen habe:
Anthony Hopkins wartet als Hitchcock angespannt lauschend während der Uraufführung von „Psycho“ im Foyer vor der geschlossenen Kinotür. Wie wird das Publikum auf das Duschgemetzel reagieren?
Dann setzt die berühmte Musiksequenz ein, „ink ink ink“, identisch mit den verübten Messerstößen.
Er hört das entsetzte „Ahhhh!!“ des Publikums und er fängt an zu tänzeln wie eine übergroße Ballerina und bewegt seine Hände wie ein Dirigent.
Und dann wieder „ink ink ink“ und wieder „Ahhh!!“. Und er dreht Pirouetten und dirigiert tief befriedigt das unsichtbare Publikum vor den Augen des verschreckten Popcorn Verkäufers.
(Getreu Hitchcocks Motto: „I enjoy playing the audience like a piano“)

Die Duschszene in „Psycho“ zählt heute zu den meistanalysierten Filmszenen überhaupt. Die Hauptdarstellerin nach nicht einmal einem Drittel des Filmes umzubringen ist aber auch relativ dreist. Bei den zeitgenössischen Kritikern fiel der Film durch. Da Hitchcock sich an einem realen Vorfall, der gerade die Medien erschütterte, orientiert hatte, fand man einen Kinofilm darüber zu drehen geradezu obszön.
Walt Disney gab Hitchcock dann auch grad extra keine Dreherlaubnis für sein nächstes Projekt in Disneyland. Weil der doch „Psycho“ gedreht hatte.
(Quakt heute auch keine Ente mehr danach.)

Hitchcock sah das Ganze vermutlich als kostenlose Publicity. Das Publikum auf jeden Fall strömte in die Kinosäle und machte „Psycho“ zu seinem größten kommerziellen Erfolg.

Alfred Joseph Hitchcock wurde am 13. August 1899 in Leytonstone in England geboren und sagte von sich selbst, er sei ein einsames Kind gewesen, dass sich die Zeit mit dem Lesen von Fahrplänen und Landkarten vertrieben habe.
Als Jugendlicher sei er gerne in die öffentlichen Mordprozesse im Old-Bailey-Gerichtshof gegangen.
(Also das habe ich ja auch gern gemacht. Also in Traunstein halt. Während der Sommerferien. Und waren auch keine Mordprozesse, war ja nur das Amtsgericht. Aber immerhin.)

Anthony Hopkins hat über Alfred Hitchcock gesagt:

„Ich bin mir sicher, er hätte sehr gerne so ausgesehen wie Cary Grant oder Jimmy Stewart. Das tat er aber nicht, er sah aus wie Humpty-Dumpty. Er aß zu viel, trank zu viel, war narzisstisch, obsessiv, stolz – und zugleich ein großer Romantiker. Ich glaube, er war ein sehr empfindsamer und sensibler Mann, der in diesem riesigen Körper gefangen war. Und er hat seine romantischen Sehnsüchte immer auf seine Schauspieler projiziert.“

In meiner Arbeitstelle steht eine große Eiche vor einem Fenster. Immer im Herbst lassen sich darauf Unmengen von Krähen nieder. Und wenn sich alle wie auf ein geheimes Signal hin erheben um in den Novemberhimmel zu fliegen, gibt es jedes Mal ein Riesenspektakel, Krächzen und Flügelschlagen, macht man sich gar keinen Begriff davon. Und man schaudert und manch einer sagt: „Ui mei, wie in die Vögel“.

So sehr haben sich seine Bilder ins tägliche Leben geschlichen.

Er war ein Machtmensch.
Hitchcock beanspruchte stets die völlige Kontrolle über die Herstellung eines Filmes, von der Stoffauswahl bis zum Endschnitt.
Sein Hauptaugenmerk lag von Anfang an auch auf der Vermarktung seiner eigenen Person. Sein Name als Marke, sein Konterfei als Markenzeichen.
(Seinen Spitznamen „Hitch“ hat er sich übrigens auch selbst organisiert. Bereits 1915 veröffentlichte er seine Kurzgeschichten in der Betriebszeitschrift einer Werbeabteilung unter diesem, ähm, Pseudonym.)

„Wir Regisseure machen einen Film erfolgreich. Schauspieler kommen und gehen, doch der Name des Regisseurs soll klar im Bewusstsein des Publikums haften bleiben.“
Nach Schauspielern war er generell nicht allzu verrückt.

Nur im Speziellen war er verrückt. Und nur nach den jungen Blondinen. Da war er dann allerdings schon mehr als nur ein bisschen verdreht.
Der letzte Film den Hitchcock 1957 für die Paramount drehte war „Vertigo“.
In wenige seiner Filmfiguren projizierte Hitchcock so viel von seiner eigenen Persönlichkeit wie in den von James Stewart verkörperten Scottie Ferguson, der versucht eine Frau nach seiner Vorstellung umzuformen.

(Kim Novak (ich persönlich finde ja sie hat ein Pfannkuchengesicht, aber Mr. H. hat das offensichtlich anders gesehen) erzählt, er habe die Kostümbildnerin angewiesen ihr eine komplette Garderobe für ihr Privatleben nach seinen Vorstellungen zu schneidern.
Tippi Hedren ließ er sogar beschatten. Als sie seine Avancen hartnäckig zurückwies, rächte er sich mit tagelangen Aufnahmen echter auf sie einstürzender Vögel. Seine offene Zuneigung schlug in Hass um. Er prophezeite ihr, er würde dafür sorgen, dass ihre Karriere zu Ende sei. Und Wort gehalten hat er, weil sie das dann ja auch war.)
Seine Filme, die von neurotischen Männern handeln, die Frauen manipulieren sind also autobiografisch nicht nur angehaucht, sondern sturmwindgebeutelt.

Ich mag an seinen Filmen, dass er Stimmung und Spannung bewusst ohne Dialoge verstärkt.
Da ist immer eine visuelle Macht, unterschwellig und bedrohlich, die tausendmal aussagekräftiger ist als ein tiefschürfender Dialog.
Eine Totale auf ein zuckendes Auge, eine zehnminütige Konzertszene in der Royal Albert Hall, die Versammlung der Vögel auf dem dem Klettergerüst.

In Frankreich wurde Alfred Hitchcock in den 60-iger Jahren von jungen Filmemachern wie Claude Chabrol oder Francois Truffaut frenetisch gefeiert.
Im August 1961 gab Hitchcock Francois Truffaut ein fast 50-stündiges Interview.
Hitchcock erzählte ihm u.a., dass er nach dem Endschnitt eines jeden Filmes seiner Sekretärin ein „Tondrehbuch“ diktierte, das alle von ihm erwünschten Geräusche enthielt.
Töne, Licht, Farben, alles setzte er ein um den dramaturgischen Effekt zu beeinflussen.

Das Gesetz und seine Vertreter sind in den Hitchcock Filmen meist kein sicherer Hafen. Die Polizei ist in der Regel nicht in der Lage den Helden zu beschützen, oft geht von ihnen sogar eine zusätzliche Bedrohung aus.
Hitchcock hatte immer große Angst vor der Polizei.
Als er 5 Jahre alt war, hat ihn sein Vater, nachdem er etwas angestellt hatte, mit einem Zettel zur nächsten Polizeistation geschickt.
Der Polizist sperrte Klein Alfred dann mit den Worten „so etwas macht man mit ungezogenen Jungs“ für die nächste Stunde in eine Zelle.
Hat der Alfred wohl nie ganz vergessen können.

In einem meiner Lieblingsfilme „Rope“ (Cocktail für eine Leiche), den er von der Bühne adaptiert hat, wollte Hitchcock, dass jede Einstellung so lange dauert, wie es das Filmmaterial in der Kamera erlaubt, also rund 10 Minuten.
Durch geschickte Übergänge wollte er den Eindruck erwecken, dass sich die Geschichte in Echtzeit und von nur einer einzigen Kamera gefilmt ereignet.
Im Nachhinein bereute er sein Experiment, aber ich finde ihn trotzdem klasse, weil er genau diesen von ihm beabsichtigten Effekt bei mir jedes Mal erzielt.
Ich stehe mit Gänsehaut in der Zimmerecke und hoffe, dass Sie mich nicht entdecken und ebenfalls abmurksen. (Hitchcock bedient wirklich den Voyeur in uns.)

(Der Mord in „Rope“ passiert in der ersten Minute. Und diese Tatsache wurde mir bereits ins Gesicht geschrien. Sehr präsent ist mir noch die Standpauke einer Mutter, die mir die DVD von „Findus und der Gartenzwerg“ oder so ähnlich zurückgab.
Ich hatte damals in der Internationalen Kinder und Jugendbuchbibliothek gearbeitet und muss wohl daheim die DVDs vertauscht haben.
Ich persönlich finde ja die Findus DVD total langweilig und mich hätte als Mutter schon mal der riesige Abspann am Anfang „Directed by Alfred Hitchcock“ etwas skeptisch gemacht.
Aber prinzipiell hat sie natürlich recht, wenn sie sich aufregt.

Ein besonderes Schmankerl seiner Filme ist jedes Mal sein Cameo Auftritt, also sein Auftauchen im Hintergrund an irgendeiner Stelle des Filmes.
(Der ursprüngliche Grund dafür war übrigens der anfängliche Mangel an Statisten.)
Da das Publikum sich jedoch immer weniger auf die Handlung des Filmes konzentrierte und nur nach ihm schielte, um diesen Moment nur ja nicht zu verpassen, hatte Hitchcock sich schnell angewöhnt, diesen Auftritt an den Anfang des Filmes zu legen.
(In dem Film „Rettungsboot“ tritt er übrigens gar nicht persönlich auf, er ist lediglich in einer Zeitschrift, die im Boot liegt, in einer Werbeanzeige für eine Diät auf dem Vorher-Nachher-Bild zu sehen.)

Obwohl Alfred Hitchcock 6-mal für den Oskar nominiert worden ist, gewann er ihn kein einziges Mal. Von ihm stammt der mittlerweile ebenfalls in den (englischen) Sprachgebrauch übergegangenen Kommentar:
„Always the bridesmaid, never the bride.“

Alfred Joseph Hitchcock wurde am 3. Januar 1980 zu Sir Alfred bevor er am 29.4. desselben Jahres in Los Angeles verstarb.
Er hat in rund 50 Jahren 53 Spielfilme als Regisseur gedreht.

(Wenn man ihn auch vom Aussehen her als Kind mit Winston Churchill verwechseln kann, ein trockener Scherzkeks war er wie Oscar Wilde. Aber den hätte man als Kind ohnehin nicht gekannt.)

„The length of a film should be directly related to the endurance of the human bladder.“

„Always make the audience suffer as much as possible.“

[His entire acceptance speech for the Irving Thalberg Memorial Award]
„Thank you.“

[to Ingrid Bergman when she told him that she couldn’t play a certain character the way he wanted because „I don’t feel like that, I don’t think I can give you that kind of emotion.“]
„Ingrid – fake it.“ (Also das könnte ich den ganzen Tag sagen, so lustig find ich das: „Ingrid, fake it!“ )

„It’s only a movie, and, after all, we’re all grossly overpaid.“

„Walt Disney has the best casting. If he doesn’t like an actor he just tears him up.“

When an actor comes to me and wants to discuss his character, I say, „It’s in the script“. If he says, „But what’s my motivation?“, I say, „Your salary“.

„Film your murders like love scenes, and film your love scenes like murders.“

„I never said actors are cattle. What I said was that actors should be treated like cattle.“

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