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Otfried Preußler ist am 18.02.2013 im Alter von 89 Jahren in Prien am Chiemsee gestorben und er war ein guter Zauberer.

Einen Tag nach seinem Tod ist im Fernsehen eine Sendung mit und über ihn ausgestrahlt worden:

ein fast glatzköpfiger älterer Herr mit dickem Bauch, roten Wangen und sanften, klugen Augen sitzt auf einem breiten Holzstuhl und erzählt aus seinem Leben und von seinen Büchern, was zuweilen fast dasselbe zu sein scheint.

Seine Stimme kenne ich, seit ich auf der Welt bin.

Eine wunderbare Stimme war das, angenehm tief, in ihren Höhen und Tiefen ausbalanciert, akzentuiert mit leicht rollendem R.

Otfried Preußler war ein geborener Geschichtenerzähler, der in natürlicher Art und Weise betonte, Tempo und Lautstärke steigerte und zurücknahm, zu jeder Zeit präsent.

Bei vielen Hörspielproduktionen seiner Bücher fungierte er selbst als Erzähler.

Das Geschichten erzählen hat er von seiner Großmutter gelernt.

Hexen und Drachen siedelte diese stets dort an, wo man sie vom Bett aus gerade noch sehen konnte, in der Regel vor dem Fenster.

Weit genug weg, damit man sich nicht unmittelbar davor zu fürchten brauchte und nah genug, um doch daran zu glauben.

Die kleine Hexe

Immer wenn ich als Kind das Hörspiel von der kleinen Hexe angehört habe, habe ich Erdnüsse gegessen. Es war Abend und ich war bei meiner Tante Evi, die jetzt auch tot ist, vor mir ein Malbuch und ein Schüsselchen Erdnüsse.

Als ich die Kassette das nächste Mal zu Hause wieder anhören wollte, habe ich gewusst, ich brauche. jetzt. Erdnüsse. Aber sofort. (Klassischer Fall von Erdnusskonditionierung.)

Otfried Preußler hat erzählt, wie seine kleinen Töchter immer Angst vor den bösen Hexen simuliert hätten, wenn er sie ins Bett bringen wollte, damit er noch ein bisschen an ihrem Bett bleibt und Geschichten erzählt. (Raffinierte kleine Gören.)

Er habe dann zu ihnen gesagt, sie bräuchten keine Angst zu haben, es gäbe heute keine bösen Hexen mehr.

Warum es die nicht mehr gäbe?, haben sie gefragt.

Da habe er in seinen Bart gebrummelt, „ ja das könne er ihnen dann morgen sagen.“

„Dann war ich im Wort und musste mir etwas ausdenken.“

„Im Wort sein“, wie wunderbar das klingt.

Also hat er sich die Geschichte von der kleinen Hexe ausgedacht, die eine „gute“ Hexe sein will und am Schluss die einzige ist, die übrigbleibt.

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Wenn es einen roten Faden gibt in seinen Geschichten, dann den, dass es keine Menschen gibt, die nur böse sind, genauso wenig wie sie nur ganz gut sein können. Beides schafft kein Mensch.

Otfried Preußler selbst sagt, was seine Geschichten eine, sei, dass in jeder ein Stück seines gelebten Lebens und immer der ganze Preußler zu finden sei.

Er hatte Erfahrung mit Diktatur, mit Kriegsgefangenschaft.

Er hat diese Erfahrungen in seinen Geschichten verarbeitet, am offensten in Krabat, wenn er auch selbst sagt, dass diese Bezüge meist hinterher von anderen Leuten festgestellt worden seien.

Das größte Wunder seines Lebens sei es gewesen, nach 5 Jahren russischer Kriegsgefangenschaft heimzukehren und die Braut in der Nähe von Rosenheim wiederzufinden.

Seine Braut war die Annelies und mit ihr war er bis zu seinem Todestag über 60 Jahre lang glücklich verheiratet. (Die Annelies erzählt dann später ganz verliebt in einem Einspieler, dass ihr der Otfried immer schon Geschichten und Gedichte geschrieben habe und wie sie darum von den anderen Frauen beneidet worden sei.)

Krabat

Die Geschichte von der alten Mühle am Koselbruch in der Lausitz Anfang des 17. Jahrhunderts und dem Müllerburschen Krabat, der „das Müllerhandwerk und auch alles andere erlernt.“

(Das ist meine Lieblingsgeschichte, auch wenn das jetzt unwichtig ist, aber von den Erdnüssen hab ich ja auch erzählt.)

Otfried Preußler sagt selbst, bei Krabat sei Magie mit im Spiel gewesen, denn was sei Magie anderes als Seelenkräfte?

Die zum Wohle der anderen gereichen, sei die weiße Magie, die zu Hass, Neid und Missgunst führen, die schwarze.

Seine Vorfahren waren Glasmacher aus dem Isergebirge, es sollen aber auch 2 Zauberer darunter gewesen sein.

Beide seien im Hauptberuf Ärzte gewesen. Ein guter, den habe der Teufel nicht geholt. Und ein böser, der nur zu seinem eigenen Nutzen gezaubert habe, dem habe der Leibhaftige den Kragen umgedreht.

Und schließlich sei er selbst ja auch ein bisschen so etwas wie ein Zauberer. Mit einem Lächeln sagt er das.

An Wunder hat er sein Leben lang fest geglaubt, das spürt man. An Wunder, die Macht der Phantasie und die Seelenkräfte.

Mit „Fantasy“ habe er immer seine Schwierigkeiten gehabt.

Er schreibe mehr unter der alten Firma „Phantasie“ mit Ph und langem e am Ende. Phantasie hänge für ihn immer auch mit Realität zusammen. Es gäbe großartige Filme im Fantasy Bereich, ohne Frage. Er aber bliebe beim Ph.

Auch das sagt er mit einem Lächeln.

(Überhaupt lächelt er die ganze Zeit, während er redet. Aber das ist nicht etwa ein Dauergrinsen, strenggenommen ist es auch gar kein Lächeln. Vielmehr eine Art inneres Strahlen, das durch seine Augen leuchtet.)

Der Räuber Hotzenplotz

Immer wenn ich den Räuber Hotzenplotz gelesen habe als Kind, wollte ich Erdäpfelsalat essen. Nicht Kartoffel-, nein Erdäpfelsalat.                                                                                                      Kasperl musste dem Zauberer Zwackelzahn ja schließlich immer Eimerweise Erdäpfel schälen. Und wenn die Großmutter dann Erdäpfelsalat daraus machen musste, stand auch mir der Sinn danach.

(Das war dann auch die Zeit, in der meine Mutter angefangen hat, mich Kartoffelbauer zu nennen, weil ich so maßlos gierig darauf war. Dabei war ich ja, wenn überhaupt, ein Erdäpfelbauer. Erst Erdnüsse, dann Erdäpfel. Wie hat er das bloß gemacht, der Preußler?!)

kartoffelsalat

Die Figuren des Räuber Hotzenplotz sind im Grunde das Personal einer schlichten Kasperlgeschichte, verwandt mit den Figuren der Commedia dell ´arte:

Kasperl, Seppel, Großmutter, Polizist und Räuber.

Aber vermutlich sind es auch die Namen, die Leben in die Bude, also die Kindergeschichtenbude bringen.

Er hat doch tatsächlich viele Jahre lang Beschwerdebriefe von Anwohnern des gleichnamigen Flüsschens Hotzenplotz in Schlesien bekommen.                                                                                                          (Über was haben die sich beschwert? Dass man plötzlich in Japan den Namen Hotzenplotz kennt? Wenn man bedenkt, dass Horst Schlemmer sogar zum Ehrenbürger von Grevenbroich ernannt worden ist, stellt man wieder einmal fest, dass sich der Mensch manchmal entschieden merkwürdig verhält.)

Hotzenplotz ist ein Bösewicht, wie er in eine Kinderwelt gut hineinpasst, wie ihn Preußlers Oma erfunden hätte haben können.

Man kann sich ein bisschen vor ihm fürchten, aber die Furcht wird nie zu groß. Immer ist da auch dieses Augenzwinkern, mit dem der Schurke zugibt, ganz so böse ist er nicht, er hat auch schwache Seiten.

Otfried Preußler sagt, er habe immer gerne für Kinder geschrieben, Kinder seien sein liebstes und dankbarstes Publikum.

Bei einer Lesung habe er genau spüren können, wo ein Kind sitzt, das Angst hat und er habe immer versucht, diese Angst dann abzufangen.

So sensibel hat er Literatur und Kinderbilder vereint.

Ein Autor, der vom Bauch her geschrieben hat, nicht vom Intellekt. Er hat Welten erfunden, die sowohl für Kinder als auch Erwachsene interessant sind.

Er habe einen Beruf gewählt, der sich nicht an feste Arbeits- oder Urlaubszeiten halte, er gedenke diesen deshalb auch erst mit seinem letzten „Schnaufer“ zu beenden.                                                                                                                     Man könne sich nicht vorstellen, dass danach alles zu Ende sei. Es gäbe schließlich alle möglichen Vermutungen, wie es weitergehen könne.

Das Verhältnis zu seinen Eltern sei auf jeden Fall immer enger geworden, seit sie gestorben seien. Er rede jeden Tag mit ihnen.

Außerdem gehe er davon aus, drüben viele gute Bekannte und Freunde wiederzusehen.

Lieber Herr Preußler, wie auch immer es jetzt gekommen ist, in dieser Welt ist eins sicher:

Geschichtenerzähler leben in ihren Geschichten weiter.

So vieles wäre ohne sie nicht gewesen.

Sie haben nicht nur ihren Töchtern die Furcht vor den Hexen genommen.

Ich hatte furchtbare Angst, was die großen Hexen mit der kleinen Hexe machen würden, wenn sie bemerken, dass sie ihre Hexenbesen und Bücher verbrannt hat. Aber als sie ihnen dann mit dem dritten Spruch das hexen selbst abhext, hätte ich weinen mögen, so erleichtert und froh war ich!

Was für ein Masterplan, doppelter Boden und alles, schlichtweg unumstößlich sicher!

Ich glaube, sie haben die Menschenkinder wirklich verstanden und geliebt.

Es kann nichts mehr passieren jetzt, es gibt keine Hexen mehr.

Sie werden bleiben, ihre Bücher werde ich meinem Kind vorlesen.                                                                                                                 Und somit hätten wir schon einmal die nächste Generation im Sack, die sie nicht vergessen wird.

Lieber Herr Preußler, so vieles wäre ohne sie nicht gewesen, mein Wort drauf.                                                                                                                   Haben Sie vielen Dank für all die wunderbaren Geschichten.

(Die 32 Bücher von Otfried Preußler sind in fast 60 Sprachen übersetzt und über mehr als 50 Millionen Mal verkauft worden.)

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