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Die Leiden des jungen Werther, Das Neue Testament, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Der Fänger im Roggen: alles heilige Kühe. Bücher die Generationen von Lesern geprägt und beeinflusst haben und dies zum Teil bis zum heutigen Tag.

Ich liebe es, heilige Kühe zu schlachten. (…und das als Vegetarierin, muahahaha! Entschuldigung bitte.)

„Der Fänger im Roggen“ also. Zum ersten Mal von diesem Buch gehört habe ich in Billy Joel’s Lied „We didn’t start the fire“. („Tralala, the king and I – and the catcher in the rye“). Auch hier also ein Buch mit unerhört heiliger Gral-Aura, vor allem im englischsprachigen Raum. Mann, war ich bereit für einen Schlachttag.
Und ging nicht! Nein, manchmal geht’s nicht, beim besten Willen. Nicht weil mir dann die armen Kühe leidtun, sondern weil auch 50 oder 60 Jahre nach Erscheinen des jeweiligen Buches der Zauber zwischen den Seiten immer noch wirkt.

Dabei war mir Holden Caulfield, der Protagonist dieser Geschichte kein Unbekannter. Holden Caulfield steht für ein anderes Leben, für die Sehnsucht nach dem Echten.

Holden denkt viel nach über die Welt, begegnet ihr überwiegend mit Distanz, mal mit Ironie, mal mit Wut, ganz nach bekannter Pubertätsmanier. Und doch ist seine Sichtweise der Gesellschaft mehr als adoleszente Rebellion, sie trägt eine Grundwahrheit in sich.

Kurt Cobain hat einmal gesagt, dass Unschuld verloren geht, wenn sie sich ihrer Unschuld bewusst wird. (Holden über Schauspieler: „I hate actors. They never act like real people, they just think they do. Some of the good ones do, but only in a very slight way, not in a fun way to watch. And if any actors really good, you can always tell he knows he´s good, and that spoils it)

Holden wird eine Woche vor Weihnachten des Internats verwiesen und verlässt dieses nach einem Streit noch in derselben Nacht. Weil er sich fürchtet, die Enttäuschung in den Augen seiner Eltern zu sehen, schlägt er sich die folgenden 3 Tage in Manhattan durch. Wir verbringen Samstag, Sonntag und Sonntag mit ihm in New York. Wir lernen auf der Zugfahrt die Mutter eines Mitschülers kennen, der er die Hucke vollügt, eine Ex-Freundin seines Bruders, die ihm schöne Augen macht, eine junge Prostituierte, die ihn als sie ihr Kleid wie ein Kind über den Kopf auszieht so deprimiert, dass er sie fürs Reden bezahlt, ihren Zuhälter, der ihn mit zwei Boxschlägen niederstreckt, zwei Nonnen, denen er sein letztes Geld gibt, einen Ex-Mitschüler, den er mit indiskreten Fragen nach dessen Sexualleben unverschämt provoziert, seine kleine Schwester Phoebe, die er heimlich in ihrem Kinderzimmer besucht und einen alten Englisch-Lehrer, dessen väterliche Geste er missversteht und erneut in die Nacht flieht.

Holden schreibt Geschichten, das Schreiben hat Wert für ihn. Er erzählt von seinem älteren Bruder D. B., dessen schriftstellerisches Talent er sehr bewundert, der sich aber jetzt in Hollywood als Drehbuchautor prostituiere, von seiner kleine Schwester Phoebe, die Tagebuch schreibt und seinem verstorbenen jüngerer Bruder Allie, der Gedichte auf seinen Baseballhandschuh geschrieben hat.

(Textauszug: „He had poems written all over the fingers and the pocket and everywhere. In green ink. He wrote them on it so that he´d have something to read when he was in the field and nobody was up at bat. He´s dead now. He got leukemia and died on July 18, 1946. You´d have liked him. He was two years younger than I was, but he was fifty times as intelligent. But it wasn´t just that he was the most intelligent member in the family. He was also the nicest, in lots of ways. He never got mad at anybody. People with red hair are supposed to get mad very easily, but Allie never did, and he had very red hair.)

Holden bewundert Eigenschaften, die für ihn vor allem Kinder verkörpern: Unschuld, Freundlichkeit, Spontanität, Großzügigkeit. Alles was für ihn „phony“ (verlogen, affektiert) ist, hasst er. Er lehnt die Erwachsenenwelt und die Gesellschaft ab, weil sie für Ihn, mit einigen Ausnahmen, aus genau diesen Menschen besteht, „phonies.“

Menschen wie seinen toten Bruder Allie, seine Jugendliebe Jane und seine kleine Schwester Phoebe verklärt er hingegen. (Textauszug: „You should see her. You never saw a kid so smart and so bright in your whole life. My brother D.B.s a writer, my brother Allie, the one that died and all, was a wizard. I´m the only dumb one in the family. But you should see Phoebe. She has this sort of red hair, a bit like Allies. She´s only ten. I mean, if you tell her something, she knows exactly what the hell you are talking about. You´d  like her.“)

Der Fänger im Roggen, das will Holden sein. Er missversteht den Refrain eines Gedichts von Robert Burns „Comin´through the rye“, meint von jemandem zu lesen, der „jemand fängt, der durch den Roggen geht.“
Das möchte er sein, derjenige, der durch das Roggenfeld geht. Das Roggenfeld, in dem die Kinder spielen. Jedes Kind, das droht, über die Klippe in den Abgrund zu stürzen, würde er fangen.
(Textauszug: What I have to do is I have to catch everybody if they start to go over the cliff. That´s all I´d do all day. I´d just be the catcher in the rye and all. I know it´s crazy, but that´s the only thing I´d really like to be.“)

Als er seine kleine Schwester von der Schule abholen will, sieht er ein an die Mauer gesprühtes „Fuck you“ und wird fast wahnsinnig. Dieses gesprühte „Fuck you“ steht symbolisch für den Dreck der Welt, von dem er die Kinder fernhalten will.

Etwas, was wir alle wollen, die Unschuld schützen. Wollen sollten.

(Textauszug: „I thought how Phoebe and all the other little kids would see it, and how they´d wonder what the hell it meant and how they´d think about it and maybe even worry for a couple of days. I kept wanting to kill whoever had written it. I went down by a different staircase and I saw another „Fuck you“ on the wall. I tried to rub it off with my hands again, but this one was scratched on with a knife. It wouldn’t come off. It’s hopeless anyway. If you had a million years to do it, you couldn´t rub out even half the „Fuck you“ signs in the world. It´s impossible.“)

Den Rest der letzten Nacht seiner Odyssee verbringt Holden im Wartesaal der Grand Central Station. Er stellt sich vor, als Taubstummer in einer einsamen Hütte im Wald zu leben, taubstumm, damit ihn niemand mehr belästigen würde. (Was witzig ist, weil ich den Gedanken mit 16 Jahren auch hatte, echt jetzt.)
Er trifft sich noch einmal mit Phoebe um sich von ihr zu verabschieden, sie vielleicht sogar mitzunehmen. Sie fängt zu weinen an, danach ignoriert sie ihn und Holden gibt seinen Plan auf. Er weiß, dass er Verantwortung für sie hat und verspricht ihr, bei ihr zu bleiben.
Holden sieht Phoebe zu, wie sie Karussell im Park fährt und ist plötzlich glücklich. In diesem Moment ist er glücklich, weil es sie gibt, weil es ihn gibt, weil er da ist, wo er ist.

In dem Karussell dreht sich ein goldener Ring und alle Kinder versuchen diesen Ring zu erwischen. Holden hat Angst, Phoebe könne bei diesem Versuch vom Pferd fallen. Aber er sagt nichts und unternimmt nichts. Und denkt sich, „wenn die Kinder wirklich versuchen wollen, den goldenen Ring zu erwischen, muss man es sie versuchen lassen und nichts sagen. Wenn sie herunterfallen, dann fallen sie eben in Gottes Namen. Aber man darf nichts sagen.“
Und dann setzt ihm ausgerechnet seine kleine Schwester die rote Mütze, die er während der letzten drei Tage konsequent mit Schild nach hinten getragen hat, richtig herum auf.
Holden warnt die Leser am Schluss noch davor, anderen Menschen etwas von sich selbst zu erzählen, weil das dazu führen wird, dass man diese Menschen vermissen wird, wenn sie nicht mehr da sind.
Jerome David Salinger hat sich Zeit seines Lebens gegen eine Verfilmung oder Adaption für die Bühne gewehrt. Alle haben sie an seine Tür geklopft: Elia Kazan, Marlon Brando, Billy Wilder, aber nix da.
Noch ein Jahr vor seinem Tod 2010 gewann Mr. Salinger einen Prozess gegen einen Mann, der eine Fortsetzung der Geschichte mit Holden Caulfield als altem Mann geschrieben hatte.

Wie interessant ist das. Als wolle er das, was Holden ist und bleiben soll schützen. Das berührt mich so, dass ich fast weinen möchte.

Nach seinem Tod gab sein Agent bekannt, dass sich nichts geändert habe bezüglich der Rechte an Film, Theater und Kino. Es wurde jedoch zusätzlich ein Brief aus dem Jahre 1957 veröffentlicht, in dem Salinger schrieb, dass er mit einer Adaption für Fernsehen und Bühne nach seinem Tod u. U. einverstanden sei. („Since there´s an ever-looming possibility that I won´t die rich, I toy very seriously with the idea of leaving the unsold rights to my wife and daughter as a kind of insurance policy. It pleasures me no end, though, I might quickly add, to know that I won´t have to see the results of the transaction.“

Der Fänger im Roggen ist eines der Bücher, deren Geschichte bei mir bleiben wird, deren Geschichte ich aber bereits kannte, noch bevor ich das Buch gelesen hatte, weil ich Holden Caufield kannte. Ich möchte mit Holden weglaufen, wenn ich wüsste, dass sie uns nie einholen würden. Das wir immer schneller sein könnten. Egal, wir müssen laufen, auch allein, das ist die einzige Chance, die wir haben.

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