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Ich sitze in der S-Bahn und bin nicht bei mir. Ich habe einige Dinge neben mich gelegt, um Ordnung zu schaffen.

Ich kann ihre Haare riechen. Sie sind am Ansatz grau, dann werden sie gelb und kleben ihr strähnig im Gesicht. Sie steht hinter mir und sieht mich durch die Glaswand an. Er sitzt in der 4-er Gruppe auf der anderen Seite des Ganges und trägt ungeschnittenes Haar und einen Trainingsanzug aus rosefarbener Ballonseide. Sie haben beide debile Gesichter. Inzestuös.

All das registriere ich, ohne darüber nachzudenken und genau so automatisch habe ich ein schlechtes Gewissen. Weil man sich nicht für etwas Besseres halten darf und die zwei es bestimmt nicht leicht haben. Im Bruchteil einer Sekunde irgendwo zwischen Herz und Hirn, denke ich das.

Ich hebe meine Tasche hoch, sie lässt sich neben mich fallen. Neben mich, nicht neben ihn. Sie sitzt ganz dicht neben mir, berührt mich. Manchmal, wenn mich Menschen berühren, ohne dass ich es will, spüre ich etwas. Spüre etwas und halte es dann nicht mehr aus sitzen zu bleiben, still zu halten und mich berühren zu lassen, weil sich alles in mir zusammenkrampft.

Ich sammle meine Sachen zusammen, lächle sie an, stehe auf und gebe vor, den S-Bahn Plan über der Ausgangstür zu studieren. Damit ich ihre Gefühle nicht verletze, damit sie nicht meint, ich wäre wegen ihr aufgestanden. Ich gehe durch den Waggon und setze mich auf einen weit entfernten Platz.

Und greife in meine Manteltasche und er ist weg, kein MP3 Player. Ich durchsuche  Rucksack,  Hosentaschen, komisch, wirklich komisch. Ich erinnere mich genau an sein Gewicht in meiner Hand, klein, rechteckig und schwarz. Ich muss ihn in der Sitzgruppe vergessen haben.

Er sitzt ihr jetzt gegenüber, sie sitzt da, wo ich vorhin gesessen bin. Er hebt nicht den Kopf, als ich frage, sie sieht mich schräg von unten an und verneint. Ich lächle höflich und gehe zurück.

Ich verliere ständig Dinge und habe gelernt, mich zu verabschieden. Häng Dein Herz nicht an weltliche Dinge. Er hat nicht viel gekostet, 10 Euro, jetzt bin ich also endlich gezwungen meinen neuen, teuren Apple IPod zu überspielen.

Trotzdem wächst die Gewissheit, dass sie ihn haben.

Ich sehe sie aussteigen. Ich sehe, wie er etwas triumphierend in die Höhe hält und lacht. Es ist schwarz, klein und rechteckig. Ich sehe ihre Fratzen und wie sie feixen, feixen über mich, die Blöde.

Ich stehe auf und gehe zur Tür. Normalerweise würde ich jetzt rausstürmen und brüllen.

Ich öffne die Tür, sie gehen vorbei. Kurz vor der Treppe muss er meinen Blick gespürt haben, durch die Ballonseide. Sieht mich unverwandt an und hält inne. Ich stehe in der geöffneten Tür und sehe ihn einfach nur an. Für ein paar Sekunden hält er den Blick. Dann schüttelt er die Schultern und mich ab und geht weiter. Das hört sich jetzt vielleicht pathetisch an, aber in dem Moment weiß ich, dass er die Rechnung dafür bezahlen wird, irgendwann.

Das ist alles so erbärmlich. Meine Knie fangen zu zittern an, ich setze mich hin. Mir gegenüber hat ein alter Mann mit strähnigen Haaren und freundlichen Augen Platz genommen. Zwischen Ostbahnhof und Stachus erzähle ich ihm die ganze Geschichte. Ich kann ja gottseidank schnell reden. Ich sage ihm, dass ich so alt geworden sei und immer noch so naiv sei.  Und er widerspricht mir und sagt ich sei jung, er sei alt und genau so naiv. Und das es gut sei, weil sie zu zweit gewesen seien, alles abgestritten hätten, wer weiß, was passiert wäre. Er sagt, es sei gut, dass ich mich nicht beschmutzt hätte an ihnen.

Vielleicht ist es gar keine Frage von Alter und Naivität. Vielleicht ist eine Frage von Menschlichkeit, die bis zum letzten Atemzug mit etwas konfrontiert werden kann, was konträr zu einem respektvollen Leben steht.

Ich werde nicht mehr verlogen political correct sein. Wenn jemand mich bedroht, der zufällig kein Deutscher ist, werde ich nicht mehr aus schlechtem Gewissen 5-mal dazu sagen „aber ich mag Ausländer“. Wenn jemand sich mir gegenüber asozial verhält, werde ich mich zwingen nicht mehr zu denken „aber im Herz ist er bestimmt ein guter Mensch“.

Weil wir Menschen nach ihren Taten beurteilen müssen.

Es gibt Grattler, in jeder Nationalität, mit gewaschenen oder ungewaschenen Haaren, in jeder Kleidung, jeden Alters, jeder Einkommensklasse. Und für einen Grattler gibt es 10 nette Menschen und das ist ebenfalls die Realität.

(Der Rest ist einfach: wenn man nicht auf seine Sachen achtet, findet sich einer, der sie Dir wegnehmen wird. Deshalb muss man auf das, was man lieb hat besonders gut aufpassen.)

Aber heute war einer dieser Tage. Wenn jetzt noch ein böses Wort auf mich fällt oder mich ein kalter Blick streift, fange ich zu weinen an.

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