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Simpel spielt gern mit Playmobil. Er spricht mit seinem Stoffhasen Monsieur Hasehase. Er sagt: „Hier sind alle total blöd!“, wenn hier alle total blöd sind. Simpel ist 22 Jahre alt und mental auf der Stufe eines 3-Jährigen Kindes, eines 4-Jährigen an den guten Tagen. Der Grosse ist der Kleine, und weil er nicht zur neuen Freundin des Herrn Papas passt, kümmert sich sein 17-jähriger Bruder Colbert um ihn und zieht mit ihm in eine Pariser Studenten WG. Die Studenten leben in ihrem eigenen Mikrokosmos, haben eigene Probleme und keinen Nerv sich mit einem wie Simpel abzugeben. Und doch wird Simpel das Herz der WG. Und hilft ihnen, obwohl er das gar nicht weiß und sie das gar nicht wollen.

Auszug 1:

Das Mädchen mit dem tiefen Ausschnitt wand sich verächtlich ab: „Der tickt ja nicht ganz richtig!“ Simpel korrigierte sie und betonte dabei jede einzelne Silbe: „Ein I-di-ot.“ Der Ausschnitt verließ den Raum. Aria drehte sich zu Colbert um. „Ich bleibe. So lange, bis er wieder nüchtern ist.“ Colbert protestierte. Es war seine Aufgabe, auf seinen Bruder aufzupassen. „Nein, da ist Aria. Die ist netter als du.“ Colbert ging also wieder zu den anderen und überließ Simpel Aria.

„Wie fühlst du dich?“, fragte sie ihn. „Dreht sich dir der Kopf?“

Simpel fand die Frage lustig, er konnte nicht verstehen, wie sein Kopf sich drehen könnte. Aria saß auf dem Bett, ganz dicht neben ihm. Zum ersten Mal sah sie ihn als den, der er war, und nicht als Colberts Bruder. Ein zierlicher junger Mann mit unordentlichem Haar und Augen wie Zauberlaternen, in denen Prinzen und Piraten, Einhörner und Kobolde vorüberzogen.

„Simpel“, sagte sie.

„Mein Name nämlich.“

Sie streichelte ihm die Wange. Er hatte eine Haut wie ein Kind. Verwundert über die zärtliche Geste riss er die Augen noch ein bisschen weiter auf. Seine Mutter war schon lange tot.

„Soll ich dir einen Kuss geben?“, fragte Aria.

Für alle Fälle machte er die Augen zu. Und sie küsste ihn. Er stank nach Rum.

„Küsst Du auch Monsieur Hasehase?“ Er drückte den Mund seines Stofftieres auf Arias Lippen. „Er ist froh“, sagte Simpel und Monsieur Hasehase wedelte begeistert mit den Ohren.

Auszug 2:

Die WG-Bewohner standen alle etwas lädiert auf. Emmanuel erklärte, ein Fall wie Simpel gehöre in die Psychatrie eingewiesen. Colbert explodierte: „Er ist schon mal in eine spezielle Einrichtung gesteckt worden, stell dir vor! Mein Vater hat ihn sich dort vom Hals geschafft, um wieder heiraten zu können. Simpel ist geistig behindert, aber in Malicroix haben sie ihn endgültig verrückt gemacht. Er hat auf nichts mehr reagiert. Also hab ich ihn da rausgeholt. Ich habe meinem Vater gesagt, dass ich mich um Simpel kümmere. Ich geb ihn nicht wieder nach Malicroix, nie wieder! Wenn ihr ihn nicht mehr wollt, dann wollt ihr mich auch nicht mehr. Dann eben nicht. Lebt doch euer mickriges kleines Studentenleben weiter und lasst euch von Papa-Mama aushalten und seid glücklich.“

Er verließ die Küche, in der die WG-Bewohner sich versammelt hatten, und ging in sein Zimmer, um seinen Koffer zu packen. Simpel kam zu ihm, kauerte sich in einer Ecke zusammen und sah ihm zu.

„Verlierst du mich im Wald?“, fragte er leise.

„Wir gehen alle beide verloren.“

Diese Neuigkeit beruhigte Simpel, und er wollte nun seinerseits seinen jüngeren Bruder beruhigen. „Ich habe meinen Verolver.“

Simpel ist eine Huldigung des Andersseins und der Liebe, traurig und komisch zugleich. Ziemlich einzigartig, mein lieber Herr Gesangsverein. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2008.

Urteilsbegründung der Bundesjury des Prix des lyceens allemands 2006, verlesen am 17. März 2006 auf der Leipziger Buchmesse:

„…..das Buch versteht es auf unglaubliche Weise, ein in der Gesellschaft vernachlässigtes Thema auf humorvolle und zugleich ernstzunehmende Weise darzustellen. Ein Buch das Pariser Leben mit seinen Besonderheiten und Stimmungen widerspiegelt und es gleichzeitig schafft auf freche Weise die Angst vor sozialen Randgruppen zu nehmen und Jugendliche in ihren Bann zu ziehen.“

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