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Ist es nicht verwunderlich, wie wir einander manchmal entgleiten?

Bei manchen Menschen kann man einen Strich an der Türleiste machen, für jedes Jahr, jeden Zentimeter, der dokumentiert wie weit man sich bereits voneinander entfernt hat. In anderen Fällen stellt man einen plötzlichen Wachstumsschub fest, über Nacht ganze 10 cm in die Höhe geschossen..                                                                            „Nein, was Du gewachsen bist, kaum wiederzuerkennen!“                                           So nett sagt man das aber meist nicht.

„Du hast Dich verändert.“ „Du bist irgendwie anders geworden.“ „Ich erkenne Dich gar nicht wieder.“ „Du bist mir fremd geworden“.

Wir berühren sie nicht mehr. Und wenn es nicht wehtut und wir Glück haben, berühren sie uns auch nicht mehr und hinterlassen keine offene Wunde, wo die Kontaktstelle war.

Soll man schlechtes Gewissen haben? Oder ist wahr, was die Menschen sagen:               „Mein Gott, so was passiert einfach.“

Das mit den mangelnden gemeinsamen Erlebnissen lasse ich nicht gelten. Mit Oscar Wilde gehe ich auch nicht jede Woche Kegeln und interessiere mich nach wie vor für ihn. Es reicht manchmal sich einmal im Jahr zu sehen und die Verbindung hält, die gemeinsame Frisur sitzt.

Die Gründe für Kühle und Distanz? Schätze mal recht viele.

Enttäuschung, weil der andere sich nicht mehr meldet. Sich zu wenig geliebt fühlen. Freunde haben, die einander nicht mögen. Weil wir manchmal Schweine sind und manchmal einfach keine Lust haben. Weil uns der andere an eine Zeit erinnert, an einen Teil von uns. (Das kann im umgekehrten Fall wiederum genau der Grund sein, warum man an manchen Menschen festhält, obwohl man ansonsten nicht mehr viel gemein hat.)

Vielleicht berühren sich manchmal auch Menschen, weil es ihnen an derselben Stelle wehtut. Und dann schenken sie sich gegenseitig Schmerz, um ihn betrachten zu können. 

Und wenn der Schmerz plötzlich kein Schmerz mehr ist, wenn er sich aufgelöst hat?

Wo ist der Boden, der trägt, wenn der Vorwurf wegfällt? Wenn die Gewissensbisse nicht geschluckt werden, sondern als ungenießbar an den Koch zurückgeschickt werden? Wenn der Klebstoff die Haftung verliert?

Der eine ist befreit, der andere enttäuscht. Du gibst mir keine Freundschaft mehr, keine Liebe, keine Wichtigkeit, kein Eis, keine Zigaretten. Ich kann mich nicht mehr an dir reiben, wir greifen nicht mehr ineinander wie zwei Puzzleteile. Ich hab Dich verloren. Buhu.

Und warum mache ich mir solche Gedanken, anstatt das Haus zu putzen?

Wenn es doch so ist, dass „so was halt passiert.“

Man kann einen Teil seines Lebens damit berbringen, um andere Menschen wie ein kleiner Hund rumzuspringen und ihnen Stöckchen zu bringen. Dann ist man ein niedlicher, kleiner Stöckchenbringer. Stöckchen bringen kann ja auch ganz lustig sein. Wenn man gerne sinnlos in der Gegend rumhechelt.

Man kann aber auch erkennen, dass manche Sterne einfach in einem anderen Universum kreisen, in dem man nicht (mehr) zu Hause ist.

Und dass das auch in Ordnung so ist.

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