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Also das dürfte jetzt schwierig werden. Die sieht nicht so aus, als würde sie Spaß verstehen. Aber da täuscht man sich ja oft. Und man hätte es durchaus schlechter erwischen können, so im Nachhinein.
Erst hat sie skeptisch geschaut. Aber ich habe mir gesagt, es hilft ja alles nichts. Besser ich sag es genau so, wie es ist. Sag was ich will und was ich brauch und warum ich es brauche.

Ich erkläre also der jungen Vinzenz Murr Verkäuferin mit dem roten Gesicht an diesem frühen Dienstagmorgen, dass ich bitte eine Hartwurstsemmel bräuchte, und zwar eine extra extra dick eingepackte, weil ich die mit der Post verschicken müsste. Weil mein Vater Geburtstag habe und ich ihm seit Jahr und Tag öfter mal eine Hartwurstsemmel zukommen lasse.

Da war schon ein Stirnrunzeln. Ich also weiter. Die ganze Geschichte. Weil es jetzt eh nichts mehr hilft und wir sind außerdem allein und sie hat doch eh nichts anderes zu tun grad. Das hab ich natürlich nicht gesagt. Aber wie ich als kleines Kind einmal an Weihnachten nicht gewusst habe, was schenken und mir mein Vater versichert habe, dass das, was ihn immer am allermeisten auf der ganzen Welt freuen würde, sei eine gute Hartwurstsemmel, das hab ich erzählt.

„Da machst ma die gräßde Freid damit.“ Das hab ich nicht nachgemacht. Auch nicht, wie ich am 24.12. vormittags als 9 jährige durch den Schnee in die Stadt zur Metzgerei Rührgartner gestiefelt bin. Billig war das ja nicht gerade. Aber das mit dem Preis verschiebt sich im Lauf der Jahre und dann wird es ein eher kostengünstiges Geschenk. Und es hat offiziell die Ära der selbst gemalten Bilder als Nur-Geschenke abgelöst. Wo ich jetzt drüber nachdenke, vermutlich wollte er einfach keine Bilder mehr mit Ponys und Hunden, die sich ähnlich sehen. Aber egal.

So hat mein Vater Hartwurstsemmeln an Weihnachten in Geschenkpapier und mit einer brennenden Kerze zum Geburtstag überreicht bekommen. Nicht jedes Jahr versteht sich. Man will sich ja eine gewisse Originalität und einen Überraschungseffekt bewahren. Da muss man schon mal 2 Jahre verstreichen lassen und dann plötzlich, wenn er am wenigsten damit rechnet, zackbumm, eine Hartwurstsemmel, Hurra!

Und dieses Jahr also per Post.

Logistisch ist das natürlich mit einem gewissen Aufwand verbunden. Man muss ein Klebeband, Schere und die bereits geschriebene Glückwunschkarte dabei haben. Weil das alles sofort losgeschickt werden muss, weil dann jeder Tag zählt, weil so eine Semmel ja nicht besser wird. Ich bin Profi und lange genug in dem Business.

Als die Verkäuferin den Sachverhalt begreift, ist sie sehr kooperativ. Da muss ich nicht zweimal fragen, ob die Gurke evtl. separat verpackt werden könne. Sie macht mir auch gleich noch ein Tomatenschnitzerl Packerl zurecht. Welche Hartwurst ich wolle? Als ich sage, dass ich keine Ahnung hätte, weil ich doch Vegetarier sei, sieht sie mich mitleidig an. Aber dann bringt sie sich richtig selbst ein. Wählt, ich glaube Putenwurst. Erst 4 Scheiben. Dann legt sie noch 2 obendrauf und murmelt: „Sieht besser aus.“

Gekostet hat alles zusammen 2, 30 Euro. Das ist echt nicht viel. Aber recht viel mehr kosten solche Späße ja in der Regel nie.

Gleich an Ort und Stelle verpacke ich alles, unter den Augen eines älteren Mannes mit Schnurrbart, der gerade sein Frühstück einnimmt. Ich bin so was von beseelt. So mag ich das, wenn alles flutscht und passt.

Beim Hinausgehen hebe ich mein XS-Paket wie eine Trophäe in die Höhe und zeige es mit stolzem Sieger Lächeln allen im Laden und besonders der mittlerweile sehr beschäftigten Verkäuferin. Natürlich sieht sie mich mit diesem Blick an. Dass ich nicht ganz sauber bin. Aber schon auch irgendwie freundlich, also zumindest mir nicht abgeneigt.

Auf der Post erkundige ich mich, ob es denn morgen ankommen könne?

Ja, könne es.

Wie groß denn die Wahrscheinlichkeit sei, so 70:30 ?

Ja, könnte sein.

Ich unterdrücke den Impuls meine Geschichte zu erzählen, weil das hier nichts bringen würde. Und ich mich immer einbremsen muss, wenn ich so verdammt stolz auf mich bin, wenn eine Aktion so schön geklappt hat. Also nicke ich souverän und winke der Semmel, der Hartwurst, den Gurkenscheibchen und Tomaten aufmunternd hinterher.

Das Paket war übrigens eine Geschenkedition, da stand drauf:

Liebe ist …..

auf dem Weg zu Dir.“

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