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Als Paul McCartney das Lied „When I´m 64“ sang, war er noch ziemlich jung. 64 war er da auf jeden Fall noch lange nicht. Das war weit weg und ein Platzhalter für alles, was sein könnte, sein würde und vielleicht doch nie eintreffen würde. Jetzt ist Sir Paul 70, Witwer, geschieden und hat sich das alles bestimmt auch ganz anders vorgestellt.

Das Buch „Das menschliche Optimum/Servus Sapientiae“ spielt im Jahr 2050, in ähnlicher Paul Distanz. Zukunft noch nicht richtig vorstellbar, doch schon in Sichtweise, quasi ums Eck.

Dr. rer. nat. Roderick Glaser ist 38 Jahre alt, nicht mehr richtig jung und noch nicht alt. Er arbeitet in München in der renommierten Prometheus Klinik, die sich auf das  Einsetzen des „Servus sapientiae“, umgangssprachlich „Korrektor“ genannt, spezialisiert hat.  Der Korrektor wurde durch Zufall vor 36 Jahren in einem brasilianischen Dorf entdeckt, als ein römischer Missionar auf eine Gruppe Tupi-Kawahib Männer aufmerksam wurde, die bei einem auf Logik aufgebauten Brettspiel nicht verlieren konnten.

Bald fanden Biologen heraus, dass die Fehlerlosigkeit beim Spiel mit dem Befall durch einen wurmförmigen Parasiten in Verbindung stand. Der Missionar taufte den Parasiten auf den lateinischen Namen „Servus sapientiae“, was soviel wie Diener oder Sklave der Weisheit bedeutete.

 Dr. Glaser soll sich entscheiden.

Glaser wollte Oberarzt werden, um seine Ruhe zu haben. Er hat sich an einen Rhythmus von 1 OP pro Tag gewöhnt. Einen Job im offensiven Mittelfeld wollte er und genau diese ruhige Kugel schiebt er jetzt auch im Prometheus Krankenhaus. 

Dr. Glaser, der Scherbenkönig der Parasitologie. Verantwortlich für den Artikel „Der Fotzograf auf innerer Mission“ der Krankenhauszeitung „Die Agnose“. (Weil Glaser zu faul war, den Artikel zu redigieren und sich so ein z einschleicht, wo keines hingehört.)

Glaser, der die Menschen in ewig 16- und 60-Jährige einteilt.

(16-Jährig sind die, die sich den Schwebezustand der Pubertät bewahrt haben, ewig aufbegehren gegen jede Autorität. Ihre Freiheit ist ihre Unvollkommenheit, bereit, den gleichen Fehler zu machen, den andere vor ihnen gemacht haben.

Die ewig 60-Jährigen haben dagegen auch im Alter von 20 bereits ihren Platz in der Welt durch Korrektheit und scheinbare Seriosität gefunden. Korrektheit, die in Wahrheit Feigheit vor dem Ungewissen ist.)

Zusammen mit Arbeitskollegin Nuria hält er heimlich die Stellung der 16-Jährigen, in einem Umfeld aus Macht und Skrupellosigkeit.

Das Bedürfnis sich selbst zu perfektionieren, zu optimieren wird momentan hauptsächlich von den reichen, international orientierten Oberschichten der arabischen Emirate genutzt, doch Europa zieht nach. Die einsamen Höhen des menschlichen Geistes sind nun für jedermann zu erreichen.

Wäre da nicht die letzte geschäftliche Hürde, der Ekel. Der physische Ekel vor dem Wurm, die Angst davor, sich einen Parasiten in den Körper zu holen. Doch auch dies gilt nur als anfängliches Problem, das mit der Zeit an Schrecken verlieren würde.

Opportunisten warten genügend in den Startlöchern, warum Chefarzt und Gott in Weiß, Prof. Dr. Dr. h. c. Mörgel Barreither, ausgerechnet Glaser als seinen Nachfolger auswählt, bleibt unklar.

Trotz einer beinahe misslungen Operation nimmt Barreither Glaser mit zu einer geheimnisvollen venezianischen Party einer sich selbst feiernden exklusiven Oberschicht. Einer Oberschicht, deren Handlanger Mörgel ist.

Während des Festes ist sich Barreither sicher, dem Verfall der Menschheit beizuwohnen.  Auch wenn sie die physischen Nebenwirkungen von Servus sapientiae gestoppt hatten, so fraß der Wurm sie doch von innen auf. Während die Menschen seine Vorzüge entdeckten, nagte er an ihrer Moral, zersetzte Wertvorstellungen und lenkte sie auf Ziele, deren Zweifelhaftigkeit sie nicht mehr zu erkennen in der Lage waren.

Am Ende der Nacht erfährt er obendrein, dass Nuris, seit Langem selbst operiert, ihm ihre Fehlerhaftigkeit nur vorgespielt hat, da sie in ihn verliebt ist.

Und nun muss er sich entscheiden. Lässt er sich ebenfalls operieren, um auf den Karrierezug aufzuspringen? Oder reicht ihm ein Leben in Mittelmäßigkeit?

Im Betrefffeld der Mail die er an seinen Chef und Mentor Prof. Mörgel in den frühen Morgenstunden schickt, hat er sich auf jeden Fall vertippt. Er hat das „e“ vergessen. „Servus sapientia“. Auf Wiedersehen Weisheit.

Wenn ich mäkelig wäre, würde ich sagen, dass die Charakterzeichnungen etwas dünn bleiben. Dass etwas mehr Leben, etwas mehr Fleisch schön gewesen wären. Vor allem Barreither wird in seiner Person nur als äußere Hülle spürbar. Vielleicht war aber gerade das beabsichtigt, in einem Roman, der auch von der potenziellen Seelenlosigkeit dieses Lebens handelt. Und weil mir gerade höchst unmäkelig zu Mute ist, halte ich es ganz schlicht und sage, dass mich dieses zeitnahe Science-Fiction-Szenario über das, was sein könnte, wenn I am 64 bin, sehr gut unterhalten hat.

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