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 Premierminister, Schwiegertöchter und Corgis kommen und gehen, in die Schlagzeilen von heute wickeln sie morgen ihren Fisch ein, datt Lisbett bleibt der Fels in der Brandung. Die Queen hatte am Wochenende ihr 60- jähriges Dienstjubiläum. Yesterday´s news.

Heute kam eine Sendung über ihren Alltag. Sie muss ja auch alle naslang verdiente Männer und Frauen zu Rittern schlagen (also ich weiß jetzt nicht genau, ob man das wirklich so nennt, vor allem ob man die Frauen auch schlägt) und Orden für Verdienste vergeben. Stunden vorher sind alle, die zum Gelingen dieser Zeremonie beitragen, extrem wepsig.

Gott, was kann jetzt da schon groß vorzubereiten sein denkt man sich. Ha ha, das denken WIR, weil wir keine Ahnung haben. Weil es um die Haltung geht, der Bedeutung der man diesen Handlungen beimisst. Und die kostet nicht Geld, sondern Zeit.

Der Page, der das Zimmer vorzubereiten hat, legt demjenigen, der die Namen der Auszuzeichnenden durchstreichen wird, 6 gespitzte rote Holzstifte hin. Einer würde zwar reichen. Aber man weiß ja nie. Das Telefon wird ausgestöpselt. Hier wird nichts dem Zufall überlassen, sagt der Page. Das Kissen, wo sich draufgekniet wird, holt er aus einer moosgrünen Samtschatulle. Er ist mit per Walkie-Talkie mit dem Techniker verbunden, der in der Empore bei dem kleinen Orchester sitzt. Dass das im Bedarfsfall leiser spielt, wenn man die Queen nicht gut hören kann.

Diesen Dingen wird große Wichtigkeit beigemessen. 

Es ist wichtig, weil es alle Beteiligten wichtig nehmen. Da ist nichts Beiläufiges, nebenbei und außerdem. Es wird mit feierlichem Ernst vorbereitet und zelebriert. Und es scheint, alle Beteiligten nehmen an dieser Zeremonie mit größter Freude teil.

Nun folgt noch ein Crash Kurs, in dem ein anderer Page den Auszuzeichnenden erklärt, dass Sie sich der Queen nähern sollen, wenn ihr Name aufgerufen wird, sich nur rückwärtsgehend von der Queen entfernen dürfen und dass sie unbedingt merken müssen, dass das Gespräch zu Ende ist, wenn Sie Ihnen die Hand reicht. Also nicht künstlich verlängern das Ganze.

Alle sind furchtbar aufgeregt. Eine Handvoll Menschen, u.a. ein Nationalfußballspieler, eine Politikerin und ein Schafzüchter.

Der Schafzüchter hat ein wettergegerbtes Gesicht und rot glänzende Wangen wie ein Boskop Apfel. Er trägt grünen Tweed und eine rot gemusterte Krawatte, die farblich sehr gut zum Rest seines Gesichts passt. Ein Schrank von einem Mann. Und er lächelt und ist so aufgeregt, dass er fast nicht mehr geradestehn kann.

Dann geht alles ganz schnell. 

Die kleine Dame reicht ihm ihre Hand, steckt ihm einen Orden an und sagt ihm, wie sehr sie sich freut, dass sie ihm diesen Orden geben darf. Und was denn die Schafe so machen. Und ob es nicht schwer ist, in der Landwirtschaft. Und ob er über die Runden kommt. Sie reagiert unmittelbar auf seine Antworten.

Sie redet nur ca. 3 Minuten mit ihm, aber in diesen 3 Minuten ist sie große Klasse. Das muss ich wirklich zugeben. Und ich bin ein Small Talk Kritiker erster Kajüte. Aber das war wirklich gut.

Sie reicht ihm die Hand, der Mann mit Schuhgröße 47 schwebt von unsichtbaren Guinness Wellen getragen rückwärts zum Rest der Wartenden zurück.

Vor dem Palast befragt, leuchtet sein Gesicht, mit einem Lächeln, nicht von dieser Welt.

„She´s a lovely lady“, sagt er leise.

Und er sagt noch, dass kein anderer Mensch, ihn so fühlen lassen könnte, wie er sich jetzt fühlt. Das Treffen mit seiner Königin. (Das soll aber mal nicht die Frau Schäferin hören, denk ich mir.)

Ich hatte kleine Rührungstränchen in den Augenwinkeln. Der Mann hat so glücklich ausgesehen, nein, er war glücklich.

Wie ihn das Treffen mit seiner Königin, ihre kurzen, aber interessierten Worte geadelt haben. Nicht deshalb, weil sie ein „Promi“ ist. Weil sie wirklich Würde ausstrahlt. Und ihn mit derselben Würde behandelt hat.

Und egal ob er es jedem in seinem Pub, den Schafen am Lagerfeuer, seiner Frau oder vielleicht gar niemand erzählen wird, diese 3 Minuten wird er für den Rest seines Lebens nicht mehr vergessen.

Wenn ich nicht gerade auf die S-Bahn warte, denke ich mir das schon oft. Es ist zu schnell alles. Irgendwie ist das alles zu schnell manchmal. (Oder ich zu langsam. Oder beides.)

 Manchmal wäre so ein bisschen Stil, Spiel und Pomp schon schön. Weil es manchen Dingen und Menschen die Bedeutung, die Würde, den Respekt beimessen würde, die sie verdienen. Weil sonst alles gleich wird. Und beliebig.

Jetzt mache ich eine Aktion. Ich kauf mir ein Steckerleis beim Kramer und kletter durch die Dachluke aufs Hausdach. Und dort ess ich es dann ganz langsam auf. 

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