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Wenn Sie das lesen und zufällig Brüste haben sollten, hätten Sie bei Leo Tolstoi schon verloren. Zumindest in einer der drei Ehegeschichten, die diese Ausgabe der berühmten Kreutzersonate unter einem Buchdeckel vereint.

Und ewig lockt das Weib. Man kennt das ja.
Aber eigentlich dienen die Frauen dieser Geschichten lediglich als Katalysatoren der jeweiligen Männer, symbolisch für deren Unvermögen ihre körperliche Lust als etwas zu sich Gehörendes zu akzeptieren.

Wie gehen solche Männer mit  Frauen (und Brüsten) in der Institution Ehe um?

In der ersten Geschichte (Familienglück) heiratet ein älterer Mann eine wesentlich jüngere Frau. Er verliebt sich in ihre Jugend um sie dann dafür zu strafen, dass sie, die die Welt nicht kennt, es genießt auszugehen, ja gar der Mittelpunkt von Festen ist.  Dass sie dort hingehen will, wo es strahlt und glänzt.

Er ignoriert sie und macht sie mit Liebesentzug mürbe. Sie habe es nicht anders verdient, sie sie doch letztlich wie alle Frauen. Vergnügungssüchtig. Gefallsüchtig. Und halten kann er, der so viel Ältere, sie doch sowieso nicht. Also verschließt er lieber prophylaktisch sein Herz und erzählt ihr, die romantische Liebe habe ihre Zeit. Diese Zeit sei nun vorbei, nun ginge es nur noch um Kinder aufziehen und Essen machen. Und unerfahren, wie sie ist, glaubt sie ihm und dankt ihm noch für seine Güte und Weisheit. So behält er die Rolle des Allwissenden, hält sie in dieser Ehe und schützt sich gleichzeitig vor Zurückweisung. Das ist gar nicht dumm von dem alten Fuchs. Aber zumindest lässt er sie am Leben.
(Keine Selbstverständlichkeit in diesen Kreisen. Und diesen psychologischen Profilen.)
In der dritten Geschichte (Der Teufel) ersticht der Mann das Bauernmädchen, mit der er vor seiner Ehe eine Affäre hatte. Obwohl er nun verheiratet ist und eine milde, aufopfernde Zierde der Gesellschaft von Frau an seiner Seite hat, Kind, Kegel und Landgut sein eigen nennt, ist er noch immer scharf auf die junge Maid. Solange sie lebt, kann er aber nicht in moralischer Unversehrtheit leben. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Die Frage, wer wessen Teufel ist, bleibt offen.
(Was mir gerade auffällt, auf die Idee sich selbst zu töten, statt der unglücklich begehrten Frauen kommen diese Männer nicht. Sie betrachten es als ihr Recht, diese Taten zu begehen. Die Frauen sollen genau so leiden wie sie. Sie, die anständigen Männer. Die immer nur ein gutes Leben wollten.)
Zur Kreutzersonate:
Während einer Zugreise erzählt ein Gutsbesitzer einem Mitreisenden die Geschichte seiner Ehe.
Sein Frauenbild ist ein ernüchtertes.
Frauen seien Mogelpackungen. Besonders schöne Frauen, erzeugen sie doch im Mann die Illusion ihre äußeren positiven Attribute seien gleichzusetzen mit charakterlichen Qualitäten. In der Regel sei dies ja nie der Fall. Besonders bei schönen Frauen. Sie wüssten um ihre Schönheit und würden diese bewusst einsetzen, um Männer zu manipulieren.
Seine spätere Frau sei auch Opfer der Gesellschaft gewesen, die sie dazu erzogen habe, ihre körperlichen Reize einzusetzen, um einen Mann zu fangen. Und auch er sei ein Opfer eben dieser Gesellschaft, weil er die passende Frisur, den Schnitt und die Farbe des Kleides für Liebe gehalten habe und in eine Ehe gelockt worden sei, die ihn zu einem Gefangenen gemacht habe.
Körperlich ihr verfallen, macht ihm genau dieses körperliche Bedürfnis zu schaffen.

Verantwortlich für sein Elend sind neben den Frauen, die ihren Körper als Machtmittel einsetzen, die Ärzte, die Geschlechtsverkehr für gesund halten, die Gesellschaft, die der Jugend zu stark gewürzte Speisen vorsetzt usw…Die Gründe sind an jeder Straßenecke zu finden.

Er verteufelt die körperliche Liebe und die Lust und kann doch nicht von ihr lassen. 
So ein Mann kann sich nicht fallen lassen. Gehen lassen. Die Kontrolle aufgeben.. Und sei es nur für den einen Moment. Macht ihn doch dieser eine Moment zum Tier. Und sogar dem Tiere sei der Mensch, der körperlich liebt, unterlegen, weil sich Tiere allenfalls zur Fortpflanzung vereinen würden. Dem puren Lustgewinn nachzugeben, hieße die Entwicklung des Menschen zu etwas Höherem zu behindern.
Unter uns, seine Ehe läuft schon wirklich verdammt schlecht.  Und als seine Frau nach dem 5. Kind die ärztliche Empfehlung erhält, kein Kind mehr zu gebären, übernimmt seine krankhafte Eifersucht die Kontrolle über sein Denken und Handeln.
Er versteigt sich in immer abstrusere Unterstellungen, sie würde nun, Gott bewahre, ihr Leben genießen wollen! Wahrscheinlich sei ihre ganze Mutterliebe eh nur vorgetäuscht gewesen. Sie beschäftigt sich ja auch wieder mit ihrem Äußeren, ihren Neigungen, ja gar Klavier fängt sie wieder an zu spielen! All das ist ihm Beweis für ihre tief sitzende Lasterhaftigkeit. Sie ist halt eben doch nur eine Frau. Mit Brüsten.
Er holt selbst einen jungen Mann ins Haus, ermutigt seine Frau mit ihm zu musizieren. Als sie diesen Vorschlag nicht ablehnt, ja sich sogar über die Musikstunden noch zu freuen scheint, ist ihr Schicksal besiegelt.

Jeder Blickkontakt zwischen den Beiden ist ihm Beweis für ihr Verhältnis.
Ist seine Frau lieb zu ihm, versucht sie Untreue zu verbergen, ist sie kühl, ist dies ein Beweis für ihre Gefühlskälte. Sie hat nicht wirklich eine Chance in diesem Drama.
Als er sich auf Auslandsreise befindet, ist er außerstande seine Fantasien zu zügeln, seine Eifersucht gaukelt ihm immer erregendere Bilder vor. Hals über Kopf begibt er sich auf die Heimreise. Er berauscht sich an seiner Wut, gerät vor lauter Hass in eine Art Wollust.
Es geht nicht darum, sich das Leben zu nehmen und sein Leiden zu beenden. Das hieße sie davonkommen zu lassen, sie muss, sie soll das erleiden, was er gelitten hat.
Er wird von solchem Mitleid mit sich selbst ergriffen, dass er noch auf der Heimreise weiß, er wird sie an Ort und Stelle bestrafen.
Der Amokläufer des 19. Jahrhunderts schreitet zur Tat.

Seine Augen sind nur noch auf ein Ziel gerichtet, zerstören, kaputtmachen, was ihn kaputtmacht.
Er trifft die beiden Ahnungslosen zu Hause musizierend an und stößt seiner Frau einen Dolch an der Stelle in die Rippen, für die er sich in vollem Bewusstsein während der Zugfahrt entschieden hatte.
Als er in das wundgeschlagene blutunterlaufene Gesicht seiner Frau blickt, sieht er für einen kurzen Moment den Menschen in ihr. Und schämt sich fast. Traut sich aber nicht, sich zu schämen.
Und dann ist der Moment auch schon wieder vorbei. Und er wird erfasst von grenzenlosem Mitleid. Nicht mit seiner Frau, mit sich. Wehmutsvoll mit Tränen in den Augen bemitleidet er sich als Opfer der Gesellschaft, die ihn zu so einer Tat gezwungen hat. Ihn, Sohn ehrbarer Eltern, der immer nur ein guter Ehemann sein wollte.

Das ist sehr tragisch, weil es wahrscheinlich Teil der Wahrheit ist.
Ein Mensch, überfordert mich sich. Mit seiner Gesamtheit. Seinen Trieben. Ein Mensch, der verzweifelt ist. Und weil er sich ängstigt, vor sich und die Welt, in der er lebt nicht zu der Idealvorstellung passt, die er in sich trägt, wird er zu seinem eigenen Opfer. Und Täter. Und zum Richter und Henker für andere.

Ein Mensch, der vielleicht an die Liebe glauben will. Für den die Ehe jedoch nicht das ist, was zur Natur der Menschen passt.

Männer.
(Tolstoi selbst soll ja ein rechter Hallodri gewesen sein. Ein Schürzenjäger. Bloß gut, dass er das Schreiben hatte, um den Druck, den dieser erotische Überdruck evtl. erzeugt hat abzubauen. Gut für mich, weil ich das ja jetzt lesen kann. Und noch besser für die Frauen, die er nur auf Blättern sterben ließ.

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