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„Johann und Anna Leitner, 1748“,

steht unter dem Giebel.                                                                                               Der Leitnerhof ist eine halb verfallenes Bauernhaus nebst Mühlrad und klappert schon lange nicht mehr an dem rauschenden Bach, der sich durch die Wiese davor schlängelt.

Sie steht mitten im Wald, an einem kleinen Seitenweg, der von dem Hauptweg abführt der die einzige Fußverbindung zum nächstgelegenen Ort darstellt.

Seit ich hier wohne, bin ich dort spazieren gegangen:                                                   in kurzen Shorts in den frühen Morgenstunden des Sommers, mit Handschuhen und Bommelmütze in der klirrenden Eiskälte des Winters. In der Halbdämmerung, wenn es dort zappenduster ist, weil es keine einzige Lichtquelle gibt. Oft, wenn ich traurig war und mir gedacht habe, jetzt geh ich zum Leitnerhof, da habe ich wenigstens ein Ziel, wo ich hingehen kann.

Ganz oft habe ich mir vorgestellt, wie das gewesen sein muss damals, als der Tag ein Ende hatte, wenn die Sonne untergegangen war.                                                       Wie lang die Winterabende gewesen sein mussten. Und ob Sie Knechte und Dienstmägde gehabt haben, die Anna und der Johann. Ob sie am Sonntag alle zusammen durch den Wald in die Kirche gegangen sind habe ich mir überlegt. Wie es gewesen ist, an Weihnachten und wenn der Frühling gekommen ist.                        Ob sie die Kühle des Waldes im Hochsommer genossen haben.                                 Und ob die Anna im Herbst gesagt hat: „Herrschaftszeiten jetzt kehr´endlich das Laub weg vom Hof Johann, jetzt hab ich´s dann aber satt!“

Wie stark mein Herz immer geklopft hat, wenn ich dort im Dunkeln gegangen bin. Und wie ich doch nie Angst gehabt habe, weil ich genau gewusst habe, dass der Weg vor dem Haus vorbeigeht.                                                                                             Dass ich meinen Weg immer finden werde, so lange nur nicht das Haus plötzlich verschwindet.

Und jetzt ist auf einmal der Weg verschwunden.

Ein kleiner junger Mann hat das Haus geerbt, es ist jetzt sein Privatgrundstück.          Und das ist jetzt sein wichtigstes Wort, weil es bedeutet, dass es nur seins ist. Und weil er sich über die Stadtverwaltung ärgert, bleibt es auch nur seins.

Nach Hunderten von Jahren können dort keine alten Ehepaare, Mütter mit Kinderwägen, unglücklich Verliebte, Exzentriker und Damen mit Hündchen mehr spazieren gehen.

Der Weg ist mit 3 m hohen Eisenzäunen versperrt, die nicht zu umqueren, überklettern oder umzuwerfen sind.                                                                                              Ich habe es versucht, gestern. (Beim Anblick der Eisenspitzen habe ich an Romy Schneiders Sohn David gedacht und mein Vorhaben aufgegeben)

Eine alte Frau ist auf den Weg zugewackelt gekommen und ich habe ihr gleich zugerufen: „Das geht nicht mehr, wir können da nicht mehr durch!“

Da schießt er auf uns zu.                                                                                          Wie wir hier hereingekommen wären.                                                                       „Ach groß ist er wirklich nicht,“ denke ich. Und das er eigentlich gar nicht böse aussieht, also so von Haus aus.                                                                                                Wir sagen, dass da vorne offen sei und wieso denn das jetzt abgesperrt wäre hier?

Achtung und jetzt kommt sein Wort:

er sagt: „Privatgrundstück!“

Ich sage „Gewohnheitsrecht?“

Wie aus der Pistole geschossen verneint er, das gälte hier nicht.                                      (Na, das hat er ja offensichtlich überprüft. Ist ja auch Grundbestandteil seiner Argumentation, da will man sich schon sicher sein und hat sich vermutlich abgesichert bei einem Studienfreund, der sich auf Erbrecht spezialisiert hat, oder Wohnrecht. Oder Stinkstiefelrecht. Auf irgendetwas in der Art auf jeden Fall.)

„Sie wollen den Leuten verwehren, was seit Hunderten von Jahren zu ihrem Leben gehört?!“

Sei ihm egal. Privatbesitz.

Ich sage: „Da werden sie aber ganz schön viel Hass auf sich ziehen.“

Er sagt: „Privatbesitz! Verlassen Sie mein Grundstück!“

Ich sage: „Wow, da hast Du aber bestimmt ganz schön lang darauf warten müssen, dass du den Satz mal sagen darfst, was?“

Er sagt: „Privatbesitz!! Ich rufe die Polizei!!“

Die Frau sagt wir würden jetzt gehen.

Ich sage, genau und dass es ja eh nichts brächte, mit Leuten zu reden, die keinen Anstand hätten.

Er sagt, es gehe hier nicht um Anstand, sondern um Geld.

Ich grunze wie ein wilder Eber.

Er schnaubt wie ein alter Gaul.

Die Dame hüstelt wie ein bekümmertes Erdhörnchen.

Er sagt: „Verschwinden Sie von meinem. Privatbesitz!“

Dann habe ich wohl noch Astloch gesagt oder so was ähnliches. Und dass mir ja sowieso überhaupt nach gar nichts anderem der Sinn stehen würde, als seinen Scheiß-Privatbesitz endlich zu verlassen.

Die alte Dame hat sich danach irgendwie von uns beiden distanziert.

Ich war ohnehin ob der Gesamtsituation grantig, da war mir das dann auch egal.

Und ich finde dann doch noch einen Alternativweg, einen der ein Stück neben der Schnellstraße verläuft und dann wieder zurück über freiliegende Wurzeln in den Wald. 

Wie kann man es verbieten, den Vögeln beim Singen zuzuhören? Das Zuhören beim Bachrauschen verbieten und die Gedanken an eine Holzschüssel auf einem Bauernhaustisch, aus der alle zusammen mit großen Löffeln Mehlsuppe gegessen haben, nicht weiterleben lassen? Wieso geht das überhaupt? Wie kann er nur.             Der Arschzwerg.

Und während ich stolpere, denke ich, dass er das jetzt aber bestimmt auch nicht leicht haben wird, der kleine Mann.                                                                          Schließlich wollte er doch so hoch hinaus und dann hat ihm die Stadt sein Bauvorhaben verboten und jetzt muss er sie dafür hassen und sich natürlich rächen.                      Und trifft damit die Menschen, die hier leben und die müssen ihn dann dafür auch wieder hassen. Das wird ihm auch keinen Spaß machen, also richtig schön wird er das bestimmt auch nicht finden.                                                                                         (Und ich wette, er hat sich bestimmt trotzdem schon erkundigt, ob er von Schusswaffen Gebrauch machen darf, auf seinem Privatbesitz.)

Ich will gerade still in mich hineinweinen, weil das alles so ungerecht ist.                   Und kurz bevor ich noch anfange Mitleid mit Zwerg Nase zu haben, falle ich über einen Haufen Äste, da ich mein Fahrrad schieben muss, weil aus irgendeinem Grund jetzt auch noch die Vorderbremse eingefroren ist.

Ich weiß, wen das alles bestimmt gar nicht mehr juckt:                                                 Anna und Johann Leitner.

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