Schlagwörter

, , ,

Das hab ich bestimmt von meiner Mutter. Diese Heulsusentendenz bei Filmen.

(Aber die ist da ja schon extrem gewesen. Egal ob es eine Folge Derrick am Freitagabend war oder Pater Ralphs Seeleninferno.)

„Der Club der toten Dichter“.
Rotz und Wasser. Stunden habe ich gebraucht um mich wieder einigermaßen zu beruhigen. Peinlicher gehts nicht.

Das Gedicht, das zu Beginn jeden Clubtreffens vorgelesen wurde, konnte ich auch gleich auswendig:

„Ich ging in die Wälder, weil ich bewusst leben wollte. Ich wollte das Dasein auskosten. Ich wollte das Mark des Lebens einsaugen! Und alles fortwerfen, das kein Leben barg, um nicht an meinem Todestag innezuwerden, dass ich nie gelebt hatte.“ 

Meine Herren, das wollte ich aber auch. Genau DAS wollte ich auch. Intensiv leben. Wahrhaftig leben. Das Mark des Lebens nicht nur einsaugen, es aussaufen wollte ich!
Lieber will ich Schmerzen spüren, als nichts fühlen. Lieber brüllen, als so taub werden, wie die „Erwachsenen“. 

Haben wir  eine Chance so jung zu bleiben? So idealistisch, so absolut?
Wenn es sich so reinschleicht.
Das Simulationsleben.
Versäumen wir es aufzupassen?
Wo es so raffiniert ist und den Geschmack so gut nachahmt?

Wann haben wir angefangen uns immer öfter mit der Light Version des Lebens zufrieden zu geben?

Beim Essen. Bei Freundschaften. Büchern und Filmen.

Es uns mit der Ersatzbefriedigung nett zu machen. Die Erinnerungen an das Original wachruft. Und die, wenn der Wind günstig steht, auch fast so riecht?

Ein Mausklick.

Gefällt mir.

Dauert keine Sekunde. Unverbindlich und

nett.

 

Wann fange ich an etwas zu machen, weil alle es machen?

Ganz allgemein jetzt.

Und wenn ich es gar nicht mehr hören kann, wenn im Rückgrat was knackst? Weil es zu laut um mich herum ist?
Aber egal. Man kann in den Fluten des Weltmeeres auch ohne Kreuz surfen.

Vor Kurzem hat mir eine Bekannte aufgezählt, wo sie überall drin ist: Xing, Facebook, StudiVZ und jetzt auch Lokalisten. Weil sie nix verpassen will.

Vielleicht bin ich in zu wenigen Netzwerken. Ich hab ganz oft das Gefühl, das Leben zu verpassen.

 Die panische Angst „am letzten Tag gewahr zu werden, nie richtig gelebt zu haben“. (Auch so´n Gedicht, das einem Flausen in den Kopf setzt)

Ich kann mich orientieren, wenn alle schreien
heiß heiß,
dann bin ich wohl ganz nah dran.

Man kann ja Süßstoff statt Zucker nehmen.

Aber was, wenn das den Hunger nach dem Echten, dem Fetten erst so richtig ankurbelt?

Weil man nicht mehr richtig satt wird.

Was ist echt?

Wenn ich mich bei Facebook abmelde, erscheint eine Seite:

„Willst Du das wirklich tun?

Freund xy wird Dich vermissen. xy wird Dich vermissen. xy wird dich vermissen.

Willst Du das wirklich tun?“
 

Vermissen.

Freund.

Wörter. Die nichts kosten. Gefällt mir.

Was ist echt?

Sind wir überhaupt echt?

Oder simulieren wir nur.

Weil wir wollen, das andere in einer bestimmten Art und Weise auf uns reagieren.

Glauben wir es uns immer selbst, wenn wir schreiben, dass wir traurig sind. Dass wir glücklich sind. Dass es uns gut geht?

Manchmal braucht Sprache Publikum, damit die Wörter glaubhaft werden.

Damit man sich sich selbst glauben kann.

„Man müsste so sein

wie man ist

können.“ (sagt Peggy)

Es stimmt schon. Das Leben ist einfacher geworden.

Keine menschliche Stimme, die ablenkt. Kein Augenzwinkern. Kein Anzeichen ob jemand aufgeregt oder müde ist.

Die Wörter haben ihren verbindlichen Würgegriff verloren.

Und an Präzision eingebüßt. Und Bedeutung.

Sie plumpsen beim vielen Surfen ins Meer und verwässern.

Ich steh da auch nicht drüber. Ich schwimme schließlich auch in diesem Meer. Aber manchmal habe ich das Gefühl, ich kann nur mit Schwimmflügerl oben bleiben. Manchmal kann ich das alles nicht so gut händeln, wie man es sollte.

Egal wie vermeintlich viel oder wahrscheinlich wenig wir alle dort draußen von uns preisgeben, wie leise wir flüsternd schreiben, wie brüllend wir unsere Aufmerksamkeitsdefizit befriedigen.

Irgendwie sind wir ziemlich oft kleine Mädchen und Jungs, die nur wollen, dass man sie wahrnimmt. Denk ich mir manchmal. 

Ein Gesicht haben. Das ist schön. 

Und mit den Augen, die in dem Gesicht drin sind ein Buch lesen. Das ist auch schön.


(Vielleicht, wenn wir ganz schnell laufen)

Advertisements