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Ich bin nicht gerade das, was man eine Sparbüchse nennt.
Also geizig meine ich.
Nur nicht knausern sagt Michel aus Lönneberga und so sehe ich das auch.

Lediglich in Zeitfragen kalkuliere ich höchst ökonomisch.

Als ich die Unterlagen nicht in der dafür von mir veranschlagten Minute finden konnte, war mir schnell klar, dass ich die anvisierte S-Bahn nicht erreichen werde.

War ich deshalb böse auf mich? Oh nein!

Ich kann das nämlich jetzt viel besser.
Akzeptieren, wenn etwas nicht zu ändern ist.

(Das die S-Bahn auf dem Land manchmal im 40 Minuten Takt fährt ist blöd, muss man sich nicht schönreden. Aber so ist das halt, das weiß man schließlich. Und da kann man sich drauf einstellen. Also. Da sollte man sich nach zwei Jahren wirklich drauf einstellen können.)

Verzagt? Oh nein!

Durch die neu gewonnene Zeit konnte ich schließlich Geburtstagsgrüße mailen und mein Outfit 2 Mal wechseln.

(Das Problem ist nur:
Unvorhergesehne Zeitfenster, so fröhlich und geschenkmäßig sie auch um die Ecke schleimen mögen, sind hinterfotzig. Sie lassen mich erst recht zu spät kommen.
„Weil doch noch so viel Zeit ist.“
Was ja nie stimmt. Nie stimmt das.)

Als ich in der S-Bahn zu meinem 2. Hobbitfrühstück greifen will, bemerke ich, dass ich meinen Timeplaner zu Hause vergessen haben. (Mit S-Bahn Karte, Ausweis, Stempelkarte, sowas alles)
Think think.

Ich steige an der ersten Station wieder aus, rufe in der Arbeit an und kündige mein verspätetes Eintreffen an.

Ich stehe in der Kälte und rechne das mal für mich durch. Den Idealfall. Ich rechne immer den Idealfall. Der andere tritt von selbst ein.

(Wenn ich jetzt 20 Minuten warte, bis die nächste S-Bahn kommt, dann heimfetze mit dem Radl, mir den Timeplaner schnappe, zurückrase, schaffe ich es bis zur nächsten S-Bahn in 20 Minuten.
Ein ambitioniertes Ziel, aber mit strammen Wadln machbar.)

Mein Déjà-vu, die S-Bahn, sie fährt ein und bringt mich wieder dahin zurück, wo ich hergekommen bin.

An dieser Stelle bemerke ich, dass ich kein Bargeld mehr habe.
Ich muss mir doch Essen kaufen. Und Trinken! Panik erfasst mich.

(Ok ok ok, ich könnte, wenn wirklich alles supergut läuft, (was es ab jetzt wird, davon bin ich überzeugt) eine viertel Sekunde einplanen und in die Dorf Sparkasse an der Haupststraße laufen und dort am Automaten Geld abheben. Ich kann das schaffen.)

Die S-Bahn Türen öffnen sich.

Ich sprinte los.
Wie in einem Triathlon. Rauf auf die Kiste. Los!
Vorbei an den festgefrorenen, toten Rattenresten auf dem Gehsteig.

Ich rase.
Ich fange an, mich ganz zufrieden zu fühlen.

Hat ja eigentlich alles ganz gut geklappt bis jetzt.
Du bist da wirklich ein gutes Stück souveräner geworden.
Du haderst nicht mehr mit Deinem Schicksal!
Was nicht zu ändern ist, nimmst Du hin und machst das Beste draus!
Das läuft jetzt.

Mit dem 40 Minuten Takt, das ist ja gottseidank jetzt nicht mehr.

Ich sehe mir beim Denken zu.

Wieso. Glaubst. Du. Eigentlich. Dass. Das. Jetzt. Nicht. Mehr. Ist.

Ich komme zu Hause an, werfe das Fahrrad vorm Haus dramatisch ins Blumenbeet.
(Ich wollte das immer schon mal machen. Die Gelegenheit hat sich bis jetzt nicht ergeben.)

Der Kater sieht mich entgeistert an, als ich die Haustüre aufsperre.
Beim Treppe hochlaufen sehe ich den Timeplaner, das kleine Miststück, unter dem Küchenstuhl liegen.

Ein Blick auf die Küchentür, auf der der S-Bahn-Plan hängt.
Die nächste S-Bahn fährt in 40 Minuten.

Ich lächle. Doch wirklich.
Nachdem ich laut SCHEISSE geschrien habe, habe ich gelächelt.
Gott ja, was nicht zu ändern ist.
Ich gebe in der Arbeit Bescheid.

Wieder tut sich ein neues Zeitfenster auf.
Ich räume erst mal die Spülmaschine aus.
Ich mache mir einen Kaffee und esse Cornflakes.
Ich sehe aus dem Fenster.

Gerade noch rechtzeitig aus der Haustür, hüpfe ich die Treppen runter.

Ich rufe SCHEISSE.

Ich drehe um, rase zurück.

Ich krabble unter den Tisch und stopfe meinen Timeplaner in den Rucksack.
Der Kater kichert hämisch.

Als ich losradeln will, bemerke ich, dass die Klingel bei der Rad-Hinwerf-Aktion abgebrochen ist.

Gott, was nicht zu ändern ist.

Am Geldautomat hängt das Schild „Außer Betrieb“. Die Dame vom Schalter ruft, dass er in 5 Minuten wieder „in Betrieb“ sei.

Hahaha, 5 Minuten! Gute Frau! 5 Minuten entscheiden, ob ich sich wieder ein Zeitfenster öffnet und wieder und wieder und wieder! 5 Minuten sind es, die mich ins Verderben reißen! 5 Minuten sind das Schlimmste, was jemand wie mir passieren kann!

Ich versuche, ab diesem Zeitpunkt Arme und Beine ganz nah am Körper zu halten. Ich atme nur ganz vorsichtig und freue mich darüber, dass mein Kopf angewachsen ist.

Als ich in der S-Bahn endlich meine TigerBär-Fruchttüte aufreißen kann, verstreue ich die Frucht-Nuss-Mischung auf dem Boden.


Ab dann kann ich leider nicht mehr schreiben, weil der Kugelschreiber seinen Geist aufgibt.

Das ist wirklich gut, dass ich mit sowas jetzt viel souveräner umgehen kann als früher.

Ich weiß auch nicht.

An manchen Tagen habe ich das Gefühl eine Spur der Verwüstung hinter mir zurückzulassen. Wie Heath Ledger in seinem letzten Film als Joker.
Er geht irre lächelnd auf Fußballer O-Beinen in einem Krankenschwesterkostüm von der Klinik weg und hinter ihm explodiert das Gebäude und eine Feuersbrunst erhellt den Himmel. Autoteile fliegen durch die Luft. Radlklingeln brechen ab und er verstreut seine BärTiger-Frucht-Nussmischung auf dem Asphalt.

Und trotzdem lächelt er.

(Aber ach, es ist ein tätowiertes Grinsen)

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