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19:48, Münchner Philharmonie.

Stühle knarzen, die Luft ist stickig. Ich sitze mit meinem Kumpel Flunder im Konzert. Vor dem Konzert, um genau zu sein. Flunder gähnt. Plötzlich wird aus dem Gähner ein herzhafter Rülpser. Empörte Blicke. Flunder lächelt die Dame neben uns verschwörerisch an:

„Sollte´n Gedicht werden.“

Ich liege fast am Boden vor Lachen in dem ich gottseidank nicht versunken bin.

Die Sache mit dem Schockieren. Und dem Schämen. Flunder hat an dem gleichen Tag Geburtstag, an dem Graham Chapman vor 22 Jahren gestorben ist. Und er war Mitglied der englischen Komikergruppe Monty Python. (Herr Chapman, nicht Flunder.)

Graham Chapman war promovierter Arzt, rauchte Pfeife und diagnostizierte mit ruhiger Stimme Krankheiten.

Graham Chapman war Schriftsteller, rauchte Pfeife, bemalte seine Nägel mit Tipp Ex und murmelte „Squawk!“

Graham Chapman war Homosexueller, rauchte Pfeife und brachte während Dreharbeiten in Deutschland eine Gruppe japanischer Jungs aus seinem Zimmer in den holzgetäfelten Frühstücksraum eines bayerischen Landgasthofs. (Woraufhin alle des Hauses verwiesen wurden, weil dieses schließlich ein anständiges war)

Über den Mann, äußerlich ein Abbild des englischen Upperclass gentleman, gibt es Anekdoten zum Saufuadan.

Während Dreharbeiten war er einmal als Huhn verkleidet. Während einer kurzen Pause wollte er einen Scheck in der nahegelegenen Bank einlösen. Die Kassiererin starrte ihn an. Er sah sie beruhigend an. „It´s ok. I´m a doctor.“

Lord Mountbatten sollte ihm im Rahmen einer Award Show der „Sun“ einen Preis überreichen. Graham Chapman rauchte Pfeife. Als sein Name fiel, schoss er laut „Squawk!“ rufend in die Höhe. Auf der Bühne nahm er den Preis in den Mund und kroch auf allen Vieren, so laut „Squawk!“ rufend wie er konnte zu seinem Tisch zurück.

Auf den Vieren kroch er bei Veranstaltungen gern herum. Bei BBC Partys erkundete er so den Boden, rieb sich an den Beinen grauer Anzugträger und knabberte die zarten Fesseln deren Begleiterinnen an.

Als er in Oxford einen Ehrendoktor verliehen bekommen sollte, erschien er als Karotte. Im orangefarbenen Catsuit samt grünem Krauthut. Er stand nur da, 20 Minuten und lächelte strahlend, ohne ein Wort zu sagen.

Ich habe mir gedacht: was für ein Traummann!

Des Weiteren habe ich gedacht: Phu. Das dürfte auf die Dauer ziemlich anstrengend für ihn gewesen sein. Die Erwartungshaltung der Anwesenden zu erfüllen. Immer noch exzentrischer reagieren zu müssen.

Andrerseits.

Andrerseits hatte er bestimmt verdammt viel Spaß in seinem Leben.

(Was man oft denkt: Welcher Wein passt zu welchem Essen, kann ich rosa zu rot tragen, sehe ich mit diesen Socken dick aus, ist mein Nagellack zu verkratzt und trage ich eine karierte Hose zu längs gestreiftem Hemd, wieso ist der Bahnbeamte so unfreundlich, wieso lachen die immer so laut, wenn ich vorbeigehe und wieso ignoriert mich der Kellner. Phu phu phu.)

Ich denke an den Karottenmann. Und lese die Rede, die John Cleese für den „prince of bad taste“ anlässlich dessen Trauerfeier im Dezember 1989 gehalten hat:

„Die Sache mit dem Schockieren. Wissen Sie, ich glaube nicht, dass es darum geht, Menschen aufzuregen. Ich denke, es gibt uns allen einen kurzen Moment der Befreiung. Weil wir für den Bruchteil einer Sekunde erkennen, dass die gesellschaftlichen Regeln, die wir uns selbst auferlegen und die unser Leben so schrecklich einengen, im Grunde gar nicht so furchtbar wichtig sind, wie wir ständig meinen.“

Ich werde dran denken. Und mir das vorstellen. Ich bin fest entschlossen. Das nächste Mal, wenn mich jemand dumm anmacht oder aus dem Fenster werfen will, werde ich lächeln. Tief durchatmen. Und dann brülle ich „SQUAWK!!!!“, so laut ich kann. Es wird vielleicht ein bisschen dauern, bis ich mich traue, das nicht nur zu denken.  Aber ich denke, das ist definitiv ein erster Schritt in die richtige Richtung. Egal ob auf zwei oder vier Beinen.

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