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Meine große Liebe. Über die wollte ich schreiben. Und jetzt muss ich aus gegebenem Anlass über diese drei Ratten schreiben. 

Ich stehe dem Mäuse- und Rattenbusiness von jeher skeptisch gegenüber. Nein, skeptisch trifft es nicht. Hysterisch. Schuld daran ist mein Vater.

Wenn sich ein Mäuslein in den Holzhaufen in der Nähe unserer Terrasse verlaufen hatte, weigerte er sich in den Garten zu gehen. Meine Mama musste eine Mausefalle aufstellen und die Ergebnisse zuverlässig und diskret beseitigen.

Von Kindesbeinen an sind Maus und Artverwandte verknüpft mit Urschreien, Remmidemmi und Fallen. Das prägt einen schon, wenn man so klein ist.

Einmal hab ich mir einen Jux gemacht. Ich war 9 Jahre alt und Zehnerllutscher waren meine Währung. Da hab ich für teuer Geld (mindestens 10 Zehnerllutscher) eine kleine Gummimaus gekauft und sie im Schlafanzug meines Vaters versteckt, der tagsüber unter seinem Kopfkissen lag.

Es war ein warmer Sommerabend, ich hatte meine Zähne geputzt, den sonnengelben Frotteeschlafanzug mit den grünen Fröschchen angezogen und war mit Fred und Bärchen meine wohlverdiente Nachtruhe angetreten. Eins mit mir und der Welt, den Mäusescherz längst vergeßen. Schon als Kind hatte ich einen gottgegebenen tiefen, festen Schlaf. Das muss schon ein sehr lauter Schrei gewesen sein, der da plötzlich aus dem Elternschlafzimmer nebenan durch die Nacht gellte. Die Maus sah aber auch echt gut aus. Nicht wie Minnie Maus sondern auf eine räudige, dunkelbraune Feldmaus Art und Weise. Eine hervorragende Investition. Mein Vater hat sie bis heute nicht vergeßen.

 

Wenn eine kleine Maus über einen Sockfuß läuft, spürt man das kaum. Nennt mich Hildegard, ich halts nicht aus. Gut im Gedächtnis ist mir ein Abendessen bei Bekannten. Die Tochter des Hauses hatte eine Wüstenrennmaus (Flippsie? Toppsie? Keksi?). Ein als vollwertiges Familienmitglied integriertes Wesen. Das frei im Wohn- und Esszimmer herumflitzte. Alles war erheitert. Ich bin fast ohnmächtig geworden. Ich konnte nur noch nach unten sehen, nicht mehr in die Gesichter der am Tisch sitzenden. Als ich darum bat den Flitzer zumindest während des Essens einzusperren, dachte man zuerst ich scherze. Man kam meiner Bitte schließlich mit großem Verständnis nach. Eingeladen worden bin ich da nicht mehr. Was solls. Toast Hawai. Modernes Essen. Muß ich nicht haben.

Ich bin erst vor kurzem hier hergezogen.

Es hat hier ein unheimliches Mäuse und Rattensterben. Und alle alle lassen sie ihr Leben in der S-Bahn Unterführung. Vielleicht kann mir da mal jemand antworten, der auch ländlich wohnt. Ist das normal? Echt fies im Sommer. Barfuß oder in Flippies. Oder immer so haarscharf mit dem Radl abbremsen kurz vor dem Ratzenkopf.

Wieso liegen die da? Legen die Katzen die da ab? Die groß angelegte Rattengiftmordserie eines Rentners? Ein ehemaliger Indianerfriedhof und seine Opfergaben? Katzenindianer??

Ich meine, die überqueren doch nicht einfach so die Straße und legen sich dann mitten aufs Trottoir? Weil da so schön viel Platz ist? 

Ich versteh das nicht.

Bis jetzt war ja noch ein darüber hinweg sehen. Aber heute lagen da 3 (!) Ratten. Da ist Slalom fahren nicht mehr drin. Gottseidank schneits bald. Da sieht man das Elend wenigstens nicht mehr.

Im Sommer waren meine Nichten zu Besuch. Wir wollten im Garten Cricket spielen. Halt, Crocket. (Wir sind ja keine Engländer und heißen Julian, Dick und Ann. George und Tiihhimmy der Hund.) Ein uncharmanter Gestank waberte über der weichen Sonnenluft. Da die freche Nachbarskatze gerne mal unseren Kiesweg als gigantisches Katzenklo benutzt, versprach ich jedem Kind ein Steckerleis pro gefundene Stinkbombe. Die Kinder scharrten, ich summte und mein Bruder ruft plötzlich von der Wiese aus, bleib weg. Hier liegt eine tote Maus. Die war der Stinker. Und es sollte in diesem Sommer nicht die letzte bleiben.

Jetzt wo ich das aufschreibe, ergibt sich plötzlich ein Muster. Wie hieß die Rattenstadt nochmal, Hameln? Wo war nochmal meine Querflöte (Griselda)? Das wird anfangs wohl ein bisschen merkwürdig aussehen, wenn ich trillernd durch die Dorfstraße ziehe. Vor allem wo ich doch erst zugezogen bin. Aber letztlich wird man mir ein Denkmal setzen.

Oder zumindest die Unterführung nach mir benennen.

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