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Er trägt ein blau kariertes Hemd und eine schwere Lederhose mit drei alten Hirschknöpfen auf jeder Beinaußenseite. Er hat einen großen Ranzen, der ihm über den Hosenbund quillt und ein grünes Halstuch mit aufgesticktem Enzian. Am linken Knie hat er an der Stelle, an der die grob gestrickten Wollstrümpfe enden, eine kleine Wunde, auf der sich etwas Schorf gebildet hat.

In der Hand hält er ein Papierstanitzel mit roten Rauten, der Duft von frisch gebrannten Mandeln. Seine Zähne mahlen krachend. Dann steckt er die Tüte in die Brusttasche seines Hemdes.

Er macht Schmatzgeräusche. Er zieht Luft durch die Zähne, um diese mit Spucke zu säubern.

Die S-Bahn hält. Er sieht sein Gegenüber mit aufgerissenen Augen an.

„Wo fahrt´n die hi?“

Er erklärt dem Abteil, wo er hin muss.
Sein Gegenüber gibt Auskunft.
Er bietet ihm dafür Mandeln an. Sein Gegenüber nimmt von den Nüssen.

„I kauf sie nur, damit i ned eischlaf in da S-bahn!“

Back to the Schmatzknackmodus.
Er erzählt mit vollem Mund, was seine Frau alles zu ihm sagen würde, wenn sie ihn wieder irgendwo abholen müsse, weil er eingeschlafen sei. Weil, das man ein Taxi irgendwo bekäme, zur Wiesn Zeit, könne man ja vergessen…

Sein Gegenüber hat den Kopf an die Fensterscheibe gelehnt.

Der Schmatzer bietet ihm erneut Nüsse an.
Der Mann an der Fensterscheibe verneint lächelnd, eine sei genug.
Schmatzi verteidigt sich, er esse sie ja schließlich auch nur, um nicht einzuschlafen.

Dazu haben wir alle im Abteil keine Gelegenheit. Er hat die Nüsse, wir haben ihn.

Plötzlich blickt er mich unvermittelt  an.
Ich schlage meine Augen nieder und spiele lesen. (Er lechzt nach einem Gespräch. Das kann man riechen. Ich will nicht mit ihm reden. Die Mandeln möcht i scho…)

Er erzählt vom „tollen Service“ der Bahn.
Heute habe er wieder so geschwitzt.
Er habe Beobachtungen angestellt, dass sich die Klimaverhältnisse von Strecke zu Strecke ändern würden.
Er habe auch schon ein paar Leserbriefe geschrieben und werde es auch heute wieder tun, über die heutige Erfahrung.
Helfen würde das ja nichts. Aber man müsse es doch sagen. Sonst würde man am nächsten Tag wieder einfach einsteigen und alles wäre gleich.
Und immer wenn man ein Fenster aufmache, würde es dann so ziehen. Und das sei ein Kreuz.

Die vielen Wörter seines Monologes verweben sich ineinander, in einen weichen, flauschigen Teppich aus blau weißen Rauten, auf dem liege ich, selig vom Bier und schwindelig vom Karrusselfahren, mitten in einem Biergarten, eindösen, in den letzten Strahlen, die der Spätsommer spendiert….)
PLÖTZLICH
AUS DEM NICHTS

OHNE VORWARNUNG – stellt er seinem Gegenüber eine Frage!

Bis zu welcher Station dieser denn noch fahren müsse? Was bis dahin?
Zu blöd, da die S-bahn doch heute da außerplanmäßig halten würde und sein Gegenüberr dann warten müsse, bis die nächste S-Bahn käme. Er selbst könne da ja gottseidank aussteigen.

Wann denn der nächste Zug kommen würde? In 20 Minuten?
Ja da sei er längst daheim. Mit Heimgehen und Duschen liege er in 25 Minuten im Bett. Das hätte er gut getroffen heute. Natürlich blöd für den andern.

„Aber, na ja, das ham´s ja selber gwußt vorher gell?! Sie wissen ja was da passieren kann bei der S-bahn“


Er selbst fahre ja so ungern S-Bahn.
Aber wenn er auf die Wiesn gehe, ganz klar, dann S-Bahn.
Seine Frau, die sehe das anders, die trinke lieber nicht und fahre dann Auto. Er nicht. Nur heute war sie ja nicht dabei.

Normalerweise gehe er nur 2-mal auf die Wiesn, diesmal habe er 4 Einladungen gehabt, die er nicht ignorieren konnte, keine davon.
Eigentlich möge er die Wiesn auch gar nicht. Um wie viel Uhr? Ja um halb eins war er heut Mittag draußen. Aber wirklich mögen, nein, wirklich mögen tut er sie nicht.
Es mache einfach keinen Spaß, wenn so viele Leute unterwegs seien.
Nächsten Oktober würde er nach Niederbayern runterfliegen und so die ganze Wiesn Angelegenheit umgehen. (Ich will rufen: im September! Im September müssen´s doch fliegen! Es HEISST doch nur Oktoberfest. Und jetzt her mit den Nüssen!!)
Am Wochenend bekämen sie einen Haufen Besuch, aus Ost-/West-/Süd- und Norddeutschland. Mit denen fahre er aber nicht auf die Wiesn. Sie fahren in eine Waldwirtschaft. Da könne man wenigstens Reden.

Er erzählt und erzählt. Dadurch bleibt er wach.
Und wir anderen bleiben alle hübsch wach mit ihm. Plus, er spart sich eine Menge Kalorien dadurch.

Das sei ja schon saublöd, wenn man dann warten müsse, nein, nein, die vertane Zeit! Dürfte man gar nicht drüber nachdenken, was man da so zammwart! Ob sich der andere da jetzt recht ärgere?
Na ja, könne man nix machen, so, er sei jetzt gleich daheim.

„Scheena Abnd nu. Pfiad Eahna.“

Ich musste 45 Minuten an der S-Bahn Station auf den nächsten Zug warten und es war arschkalt. Bin nur froh, dass ich meine Wiesn Hotpants im Schrank gelassen habe.

Ich sollte einen Leserbrief schreiben. Wo der schon längst geduscht hat und im Bett liegt. Sonst ändert sich ja nie was.

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