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Wenn Loriot als Paul Winkelmann wissen will, ob er mal so ein „ganz frisches Steingrau“ empfehlen soll, fühle ich mich immer sehr behaglich. Und summe gutgelaunt ein Liedchen aus den Graunuancen seines Musterkoffers: „Mausgrau, baby baby, Aschgrau, schubschubidu, Zementgrau, tralala, Steingrau, and have you heard about Bleigrau, and the lovely Staubgrau.“
Ich fühle mich heiter und sicher, weil es nicht rosa ist. Weil rosa mich zwingt niedlich zu sehen und zu fühlen.

Eher niemals als schon hätte ich mir „Prinzessin Lillifee und das kleine Einhorn“ ohne meine beste Freundin und ihre zwei kleinen Kinder angesehen. Anna ist 4 Jahre alt geworden und der Kinobesuch ist mein Geburtstagsgeschenk.

Anna bleibt an der Rolltreppe stehen. Meine Freundin springt wie eine Gazelle mit langen Beinen immer 2 bis 3 Stufen auf einmal nehmend die Rolltreppe nach oben ihrer Jüngsten entgegen. Ich fahre weiter nach unten und blicke ihr bewundernd nach. Während ich noch lahmarschig überlege, na na, ob sie das wohl schafft, ist sie schon bei der Kleinen und nimmt sie an der Hand.

Ich finde meine Freundin echt toll. Besonders in diesem Moment.
Die Situation erinnert mich an etwas.

Als ich 15 war, hat sie mich während meines ersten Babysitter Jobs angerufen.
Wir wollten auf Kosten der außerhäusigen Eltern plaudern, wie die Teenager in den amerikanischen Filmen. Als Baby Klara im Hintergrund zu Brüllen anfing, habe ich den Hörer mit knappen Worten auf die Gabel geknallt. Anstatt sich über den schroffen Abschied zu beschweren, hat sie mich gelobt. Sie hat mir einen Brief geschrieben, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn die Menschen sich, wie ich in diesem Moment, sofort um die weinenden Kinder kümmern würden.

Im Kinosaal.

Die Werbungen laufen ohne Ton. Ist mir ziemlich egal. Wickie sieht immer wie ein Mädchen aus und das Zielpublikum für Lauras Stern bin ich auch nicht. Während die Filmcomputer runtergefahren werden toben die lieben Kleinen über die Bestuhlung. Viele Krönchen und viel rosa. Sehr sehr viel rosa. Die drei anwesenden Jungs verschmelzen rein äusserlich mit den Kinosesseln.

Ich frage Anna leise, wie ihr Barbie Pferd heisst, das sie zum Geburtstag bekommen hat.
„Pferd!“ ist die einsilbige Antwort.
Ok. Sie ingoriert mich. Sie ist im Prä-Lillifeemodus und blendet unwichtige Small Talk Fragen aus.
Ich fühle mich etwas verloren. Und will gerade ein bisschen still in mich hineinweinen, als der Film beginnt.

Der Moment, wo ich zuversichtlich einem kleinen Nachmittagsschläfchen entgegenblicke.

Doch sofort sind da all diese Fragen.

„Macht die Prinzessin hauptberuflich oder wie? Und wo sind ihre Eltern? Die hat ja Flügel, kann die auch fliegen?“ Meine Fragen, die von Annas niedlichen Öhrchen wohl gehört aber unbeantwortet im dunklen Kinosaal verhallen.


(ICH HASSE ES WENN LEUTE IM KINO REDEN)

Ich denke an Karlsson vom Dach, ein kleiner dicker Mann im besten Alter mit Glatze und 1a Propeller im breiten Kreuz. Ein gewisser Kontrast zu Prinzessin Lillifee aus Rosarien war der schon. Er war verschlagen, eine richtig linke Type. Und saukomisch. Eigentlich ist ja Karlssons kleiner Normalo Freund Lillebror wie Prinzessin Lillifee. Heutzutage fliegen also die sidekicks von gestern in der Hauptrolle. Ich bin falsch geprägt worden in meiner Kindheit. Wenn damals Lillebror geflogen wäre, wäre ich heute bestimmt auch rosa angezogen.

Aus den Augenwinkeln sehe ich Anna.
Sie hat die Augen weit aufgerissen und starrt wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf die Leinwand.
Sie trägt ein zartrosa Prinzessinnenkleid, dunkelrosa Leggins, Rattenschwänzchen und eine beeindruckendes Diadem aus dem Kinderkino-Lillifee-Popcorn-Set.
Ich registriere den babyrosa Blümchenrock und das Marshmallowfarbene Shirt meiner Freundin und bekomme schlagartig ein schlechtes Gewissen. Ich hatte grossmäulig den Dresscode ausgegeben, zwecks der Gesamtstimmung und habe es jetzt vergessen.

Ich fühle mich plötzlich ausgeschlossen, in schwarzen Jeans. Weil ich wohl unbewusst das boykottiert habe, was eigentlich ganz nett ist, hier, in dieser Umgebung, mit all diesen Mädchen, jüngeren und älteren.
Ich mache heimlich dicke Backen um wenigstens die rosa zu kriegen.

Schwein Pubsie ist meine Lieblingsfigur. Verfressen und eifersüchtig. Es reibt heimlich das Horn des Babyeinhorns. Vermurkst den Wunsch und findet sich im orangegepunkteten Zweiteiler und roten Pumps auf einem 10 m Sprungturm wieder. Wer kennt das nicht.

Nach dem Film sind die Kinder aufgekratzt. Meine Freundin verdreht die Augen.
„Und das war jetzt nur Prinzessin Lillifee“. Sie erzählt, dass eine Bekannte mit ihrer 6-jährigen in Harry Potter und die Heiligtümer des Todes war. Die Bekannte ist Psychologin. Die werden sich dann wohl mit 9 das „New York Kettensägenmassaker“ zusammen ansehen, mit 10 „Blair Witch Project“ und mit 11 Jahren „The sound of music“.

Anna spricht wieder mit mir. Ich bin glücklich. Wir machen Engelchen flieg und Karusselrum-Schleudern.

Ich sollte mich nicht so anstellen. Rosa ist eine, kann sehr, sehr hell, ähm, sehr, es ist, also, kann echt niedlich sein. Und sauber wie frischgewaschene Bettwäsche. Und in Kombination mit schwarz wahrscheinlich durchaus tragbar. Und Herr Winkelmann hat bestimmt auch für rosa diverse Farbmuster in seinem Köfferchen: Flamingorosa, Begonienrosa, Marzipanrosa, Muschelrosa, Himbeerrosa, Rosenquarzrosa….

Ich hätte dann gern mal so ein ganz melancholisches Altrosa bitte. Und so ein Popcorn Diadem macht schliesslich auch was her. Popcorn, Schorle und Krone. Hatten wir nicht.
Früher war eben auch nicht alles besser. Definitiv nicht. Wer das sagt, trägt seine 3D Brille auch ausserhalb des Kinosaales.

Und damit sieht man ja im echten Leben alles ein bisschen verschwommen.

<a

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