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Ich gebe zu, dass meine Erwartungen an ein Buch, das aus der Sicht eines Hundes erzählt wird, nicht sehr hoch waren. Nicht viel höher, als ich den Nachbarsdackel werfen kann.
Der Hund, um den es sich in diesem Buch handelt, heißt Mafia Honey und er ist Marilyn Monroes Hund. Und wie dumm wäre es gewesen, ihm nicht zuzuhören.

Die Mutter der Schauspielerin Natalie Wood handelt mit Hunden. Sie holt den kleinen Malteser von England nach Amerika. Frank Sinatras Geschenk an Marilyn, um sie aufzuheitern. Arthur Miller, die Scheidung, all das. Miss Lovell, Sinatras Assistentin bezeichnet den kleinen Hund als „das einzige nützliche Geschenk, das Frank je gemacht hat“.

Mafia Honey findet Marilyn seltsam und unglücklich und sie wird seine beste Freundin.

Wir besuchen Partys mit ihr. Wir sind der Hund. Beine, Stilettos, Pumps, gebundene Herrenschuhe, Slipper und wir auf der Suche nach der Liebe unseres Lebens. Wir versuchen in diesem Gewirr von Stimmen und Schuhen einen Hauch Chanel No 5 zu erschnuppern, der uns zu ihr bringt.

Wir begleiten Marilyn zu ihrer Analytikerin, die selbst Tochter eines berühmten Kinderarztes, Freundin von Sigmund Freuds Tochter Anna und obendrein Freuds Patientin war. Die Analytikerin, die Marilyn instrumentalisiert um über ihren eigenen Vater Konflikt sprechen zu können. Die Marilyn einweisen lässt in eine geschlossene Anstalt. Und sich danach dafür entschuldigt. Danach besuchen wir die Analytikerin nie wieder.

Wir begleiten Marilyn zum Unterricht ins Actors Studio. Der hl. Gral der Schauspiel-Elite um Marlon Brando, James Dean und Sidney Poitier. Viel wurde über die Beziehung von Marilyn Monroe und Lee Strasberg geschrieben. Wie Marilyn ihn gebraucht habe, weil er sie ernst nahm. Und dass Strasberg auch Marilyn gebraucht hat, weil er es genoss, wie sehr sie seine Anerkennung benötigte. Marilyn spielt eine Szene mit zwei Männern. Und ihre Gedanken, während sie spielt, wie sie sich heraus- und freispielt aus der vorgegebenen Rolle, das ist die Quintessenz des method acting. Das ist atmosphärisch so stimmig, so dicht, das ich meine im Publikum gesessen und wie ihre Kollegen über ihre Verzweiflung und Zartheit geweint zu haben. Das ist es, was sie damals noch alle wollten. Authentisch sein. Wahr sein. (Strasberg erzählt eine Anektdote von Konstantin Stanislawski, dem Godfather des method acting. Dessen Hund habe immer geschlafen während des Unterrichts. Immer kurz vor Ende der Klasse sei er erwacht und habe an der Tür auf Stanislawski gewartet. Der Hund habe angeblich auf den Augenblick reagiert, wenn die Schauspieler wieder anfingen, mit normaler Stimme zu sprechen. So sehr sie nach der Wahrheit suchten, waren sie doch immer noch etwas anderes als sie selbst. Den schlafenden Hund nicht zu wecken, das sei das Ziel.)

Maf Honeys kluge Ohren hören alles. Kritiker die Marilyn Monroe nur mit „Mrs. Miller“ ansprechen, Shelley Winters, die Marilyn sagt, diese könne niemals eine gute Schauspielerin werden, da sie doch so eine tolle Persönlichkeit habe.

Mafia Honey ist aber auch typischen Hundesituationen ausgesetzt. Die Kinder von Kennedys Schwager Peter Lawford setzen ihm einen Plastikbecher auf den Kopf und machen einen Raumfahrthund aus ihm. Während die Kennedy Rotzlöffel ihn verunstalten, fragt er Mr. Lawford, ob die Möglichkeit des Daseins abhängig von der Akzeptanz der Sterblichkeit sei. Ob jede Erfahrung ein Aspekt der Zeit sei. Lawford hört nur sein Bellen.
Und dann Frank Sinatras Entourage. Ein Kapitel für sich. Eine Gruppe von Schafsköpfen, wie Gangster aus eine B-Movie, deren Aufgabe es ist, Botengänge zu erledigen, Mädchen für den Star zu beschaffen und Drinks zu mixen. Dafür sind sie dann wer. Und Sinatra hat immer wen. Sinatra erscheint als jemand, der es mochte, wenn Menschen Angst vor ihm hatten und gleichzeitig abhängig von ihm waren. Sinatras Gang droht Maf wie ein Ferkelchen zu braten. Maf kontert mit Descartes, Montaigne und Pythagoras. Sie hören nur sein Kläffen.

Das ist sein Schicksal. Den ganzen Tag, den ganzen Abend hört er zu, sein Leben lang hört er zu und wird nicht verstanden.
Er erzählt von berühmten Hunden der Geschichte, von Renoirs Bisou, Charly Browns Snoopy, Sigmund Freuds Jofi und Laika, einer russischen Streunerin, die 1957 mit der Sputnik 2 in den Weltraum geschossen wurde, die Welt 2570 mal umkreiste und beim Widereintritt in die Erdatmosphäre verglühte.

Maf liegt wach. Weil Marilyn wach liegt. Während ihrer Depressionen, als sie wochenlang in ihrem Schlafzimmer liegt und die Wand anstarrt. Und zu ihrer Haushälterin sagt, ihr Bademantel und die Socken seien das einzige verlässliche in ihrem Leben. Maf hat wirklich versucht sie zu bewachen. Und es ist ihm nicht immer leicht gefallen, wenn ihre Traurigkeit versucht hat, ihn aufzusaugen.
Maf sagt, ihm sei aufgefallen, dass die Menschen um ihn herum bemüht wären, sich mit Annehmlichkeiten einzudecken, um ihre Ängste zu verbergen. Marilyn lebt im Zentrum ihrer Ängste. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, herauszufinden, was für ein Mensch sie sein könnte, wenn sie es schaffen würde, den Ängsten ins Auge zu blicken.

Wir sehen durch seine Augen, wie sie darum kämpft von Kollegen und Fans ernst genommen zu werden. Wie sie festklebt, an dem was die Welt in ihr sehen will. Die süße, immer verfügbare Frau.
Ihr Leben erinnert in diesem Buch nicht nur einmal an das des Partygirls Holly Golightly, das ihr Frühstück an den „mean reds“, den traurigen Tagen, bei Tiffany einnimmt. Truman Capote ist Gesprächsthema einer der literarischen Cocktailpartys, die wir besuchen. Alle anwesenden Schriftsteller reden davon, dass Capote sie um ihre Ideen beklaue. Ein Bonmot, wenn man weiß, dass er Marilyns Leben und ihre Cocktailmentalität zur Vorlage für den Roman „Frühstück bei Tiffany“ nahm, dass Marilyn Monroe seine erste Schauspielerinnenwahl war und er Audrey Hepburn nie ganz in ihrer Paraderolle akzeptiert hat.

Und das mag ein Problem des Buches sein. Dass es möglicherweise nur für die unterhaltsam ist, die sich für diese Zeit, die Film- und Literaturszene der 60er Jahre interessieren. Die die Andeutungen zu deuten wissen. Vielleicht ist das aber auch gar nicht wichtig. Weil es im Grund um ein Gefühl geht, das wir alle kennen. Akzeptiert werden wollen.
Diese Geschichte hat nicht viel Handlung. Eine Anekdote folgt der nächsten. Der einzige Klebstoff, der die Bilder zusammenhält, ist die Liebe und Verehrung, die Maf Honey seinem Frauchen entgegenbringt. Und trotzdem ist es verdammt unterhaltsam. Tausendmal besser als Dackelwerfen.

Dieses Buch ist eine zarte Liebeserklärung. Maf hört Marilyns Gedanken. Und er kann nicht anders, er muss sie lieben. Ihren Duft. Ihren Humor. Weil sie wie eine Sommernacht für ihn ist. Als sie nicht mehr da ist, schläft er auf ihrem Kopfkissen um den Rest ihres Duftes einzuatmen, den Duft nach frischer Baumwolle, der so richtig ist.
Marilyn zieht nach Los Angeles. Sie lässt ihre düsteren Bücher in New York zurück, als hätten sie ihr alles gegeben, was sie ihr geben konnten. Die einzigen Bücher, die sie in ihrem Regal aufbewahrt, sind Kinderbücher.

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