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Abends, gerade noch vor dem Auge abgebremst, kurz bevor ich meine Wimpern mit acetonfreiem Nagellackentferner reinige. Beide Kosmetikfläschchen sind blau. Aber ein Fehlgriff hätte sich entscheidend auf meine Lebensqualität ausgewirkt

Ich improvisiere und entferne den Nagellack. Schlimm sehen meine Nägel aus. Mit tiefen Furchen, verkratzt, verschmiert. Ich ärgere mich über den Nagelfläschchenaufdruck, es stimmt halt einfach nicht:“Trocken in 45 Sekunden“. Und man denkt sich, ach ja, die 45 Sekunden, die hab ich doch noch, die sind ja wohl noch drin.  (Memo an mich war: Hände verstecken, Gelegenheiten suchen, bei denen man sich auf die Hände setzen kann)

Der Vorabend. „Stell bloß keine blöden Fragen Sybille. Was willst Du sie denn fragen? WAS? DAS??!! Und was meinst Du, wie oft sie DAS schon gefragt worden ist?? Jeder Journalist fragt so was. Wie langweilig willst Du denn sein Herrjeh!“

Ich bin in einer Zwickmühle. Das, was mich interessiert, sind blöde Fragen. Ja was frag ich denn dann? Ich kann sie ja schlecht fragen, ob sie die Klospülung der Mieter über sich hört. Ist eine Frage immer gleich blöd oder hängt es nicht auch damit zusammen, wie blöd man sie stellt. Oder wie blöd derjenige ist, der die Frage stellt. Und wieso sagt man immer, es gäbe keine blöden Fragen.

Ich sehe aus dem Zugfenster. Lauter gefleckte Kühe und eine hellbraune. Ich frage mich, ob die hellbraune Kuh weiß, dass sie anders aussieht als die andern. Und wenn sie es weiß, ob sie sich deswegen geniert und glaubt, das sei der Grund, warum sie nirgends dazu passt. Ob das stört, beim Fressen, aufs Klo gehen und rumhängen auf der Wiese, beim Kuhsein ganz generell, wenn man anders ist. Oder ob sie sich vielleicht gerade deshalb, weil sie anders aussieht, als etwas Besonderes fühlt.

Fliegende Teppiche tragen mich über die Stadt, ich bin immer noch nicht ganz da. Ich muss mich dazu ermahnen, aufmerksamer zu sein. Und aufgeregter. Aufgeregt ist man bei Dingen, die man nicht alltäglich macht. Das hat die Natur so eingerichtet. Dann passt man besser auf und macht nicht so viele Fehler.

Wann bin ich das letzte Mal mit einer namhaften Schriftstellerin in 540 m Höhe bei einem Kaffee gesessen. Muss schon ein Weilchen her sein.

Im Museumsladen kaufe ich mir eine Postkarte auf der steht „Man wird ja wohl immer missverstanden.“ Die Karte ist schwarz und trägt Trauer. (Heute hab ich gelesen, dass man in der Waldorfschule nicht mit schwarzer Tinte schreiben darf. Und ich finde, dass das Licht am besten in der Nacht zu sehen ist.)

Ich erkenne sie unter den vielen Menschen, die auf der Caféterrasse sitzen sofort, weil sie leuchtet.

Sie bestellt eine Melange.

Der Kellner ist ein kleiner Bub, nicht älter als 14 Jahre. Das ist merkwürdig.

„Mit welchem Kaffee bitte die Melange?“

Die Frage überfordert auf angenehme Weise. Schien Kaffee bis jetzt doch ein sicheres Getränk zu sein, für das man keine Anbaugebiete kennen muss. Es wird ein schwieriges Unterfangen eine Melange zu bestellen. Noch dazu entkoffeiniert. Er meint, also er bringe dann eine Latte Macciato. Oder einen Cappuccino. Das sei doch sowieso alles das Gleiche.

Er kommt zurück mit einer Latte Macchiato, einem Cappuccino und keiner Melange. Dafür stellt er drei kleine Gläser Leitungswasser auf den Tisch. Neben meine vorher bestellte, bauchige Blumenvasen-Johannisbeerschorle. Very strange indeed.

(„Haben Sie Schorle?“ „Bitte meinen Schorle, Saft oder gspritzten Saft?“)

Phu. Hat sich die Welt so schnell um ihre Getränkeachse gedreht, habe ich das alles gar nicht mitbekommen? Meine Stimme klingt schüchtern.

„Also so Mineralwasser halt. Mit, so so, Saft.“ „Eine Schorle also, bitte sehr.“)

Ich weiß nicht ob er mich verarscht. Ich weiß es wirklich nicht. Das alles ist entschieden merkwürdig und irgendwie wundervoll. Eine Situation ist entstanden, mit ihr. Etwas, was ich mit ihr erlebe, in diesem Moment.

Ich vergesse, dass ich aufgeregt sein wollte. Es gibt Momente, in denen die Autos stehen bleiben, die Vögel auf dem Ast auf einem Bein mit offenen Schnäbeln festkleben und die Kellner einfrieren. Wo nur noch die Wörter flirren und flattern und summen, von einem Mund zum anderen.

Das Kellnerkind will einen Espresso auf den Tisch stellen. Wieso macht er nur ständig diese merkwürdigen Sachen.

Wir sitzen auf der Terrasse des Café der Moderne.  Es gibt Gedichte auf Schokoladentafeln, die zum Beißen auffordern. Und ein altes Ehepaar, das Testfragen zu Bergen stellt, die es gar nicht gibt. 

26 Buchstaben hat das Alphabet. Die gehören sich nicht selbst, sondern jedem von uns. Und jeder benutzt sie unterschiedlich.

Mit 26 Buchstaben einen Nachmittag verbracht. Ich habe vergessen, mich auf meine Hände zu setzen.  Aber ich könnte mit 26 Buchstaben beschreiben, wie sie mit den Augen lacht. Sie trinkt ein Noagerl ohne es zu wissen. Sie isst einen Zwetschgenfleck und er schmeckt ihr.

Weiß die Melange, das sie eine Melange ist? In gewisser Hinsicht hat das Kellnerkind ja Recht. Letztlich ist es alles das Gleiche. Es ist alles Kaffee mit Milch. Entscheidend ist nur das Mischverhältnis.

Ich erzähle ihr, ich hätte „Wimpern aus Glas“, statt „Wimpern aus Gras“ geschrieben. 26 Buchstaben, und jeder macht Sinn. Sie erzählt, sie wohne in Salzburg zur Untermiete und ich frage sie, ob sie die Klospülung ihres Obermieters hören kann. Das kann sie aber nicht, weil sie im obersten Stockwerk wohnt. Es war eine sinnvolle praxisbezogene Frage.

Ich stelle sogar eine Frage aus meinem Fragenkatalog. Die restlichen Fragen lese ich aus der Luft und im Kaffeesatz. Eine Frage gefleckter als die andere. Sie gibt kunterbunte Antworten. Und die Luft war warm und wird kalt. Und es ist schön, wenn jemand mit Füller schreibt. Und Zweigelt ist nicht halbtrocken, das ist auch eine Lüge. Und sie ist sehr nett.

Und das alles macht einen Unterschied.

(Gänseblümchenindividualist)

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