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Vor zwei Jahren war mein MP3 player wieder mal weg. Kaputt, verschlampt, gestohlen. Ich weiß es nicht mehr genau. Ich leihe mir den Ipod Nano meines Freundes. Ich bin etwas gelangweilt. Da ist nicht viel drauf. Nur ein paar Videos. Adriano Celentano mit Azzurro. Alexandra mit Zigeunerjunge. STS mit Grossvater. Ein überschaubares Angebot. Insgesamt vielleicht 8 Videos, kannst Du Dir also nur eine begrenzte Zeitdauer über anschaun. Bevor es besser ist, gar nichts zu hören.

Plötzlich springen zwei Frauen in verbotenen 80s Outfits auf die Bühne. Gran Prix 1985, Bobbysocks, „La det swinge“. Meine Nackenhaare stellen sich auf, eine Gänsehaut überzieht meinen Rücken. Auf einen Schlag habe ich Tränen in den Augen. Ich drücke auf Stopp und sehe mir den Anfang, den Moment, wenn sie auf die Bühne laufen wieder an. Und wieder. Und immer wieder. Nur den Anfang.

Der Clip ist so geschnitten, dass man gerade noch die letzten Worte der Ansagerin hört:“… smörebröd Bobbysocks!“

Zwei Frauen stolpern, fallen auf die Bühne. Sie sehen aufgeregt aus. Und nervös. Ich registriere die farblich aufeinander abgestimmten Outfits. Die eine trägt lange Dauerwelle, ein lila Bolero-Jäckchen, einen schwarzweißen Zebra Rock, Ringelsöckchen (ich mag sie sofort) und lila Stiefelchen. Die andere eine vorne-kurz-hinten-lang Dauerwelle, einen lila Blazer und schwarze Leggins.

Auf der Bühne warten drei Background Sänger, zwei schwarz gekleidete Männer und eine weißgekleidete Frau. Während die ersten Töne des Liedes zu hören sind, fangen die drei schon an groovy mitzuswingen, linkes Bein, rechtes Bein, dementsprechende Fingerschnippbewegungen.

In dem Moment, in dem die zwei Sängerinnen aus dem Dunklen auftauchen, in ihrer ganzen Nervosität und Aufgeregtheit auf die Bühne stolpern, wenden sich die drei Background Sänger den Frauen zu. Sie schnippen und klatschen ihnen entgegen. Sie folgen den Bodysocks Girls mit ihren Schnippbewegungen, Händen, Augen und Körpern auf dem ganzen Weg, von ganz hinten, auf ihrem Weg an Ihnen vorbei. Das ist kein einstudiertes Bühnenprogramm. Die Backgroundsänger versuchen die Frauen mit ihrer guten Laune rauszutragen, ihnen Mut zuzuschnippsen: Hey Mädls!! Ihr schafft das!!Hey ho lets go!! Als sie auf einer Höhe an ihnen vorbeilaufen, gehen die Männer in die Knie und klatschen wild. Das hat nichts mit dem Lied zu tun, das ist Mut in jemand reinlachen. Die Frauen sehen die Gruppe mit dankbaren, aufgerissenen Augen an. Sie wenden sich erst ganz vorne dem Publikum zu.

Sie sind aufgeregt, aber sie lachen. Sie haben eine Choreografie die sie trägt. (Diese sieht verdächtig nach der der Backgroundsänger aus. Es war die Zeit vor Detlef D! Soost)

Sie singen, sie strahlen, sie siegen.

Diese paar Anfangssekunden kann ich mir immer wieder anschaun. Also könnte ich theoretisch, wenn ich den Ipod nicht wieder verloren hätte. Das rührt mich so, dass ich Gänsehaut bis zum Haaransatz bekomme. Weil sie füreinander da sind. Weil die Background Sänger genau gewusst haben, wie die Frauen vorher gezittert haben. Dass sie wahrscheinlich Lampenfieber oder Angst hatten. Und weil sie versuchen wollten, ihnen die ein bisschen zu nehmen. Ihnen entgegenklatschen im Takt des Liedes, zur „Choreografie“ passend (gut, da hätte auch Schuhe zubinden oder Spiegeleier braten dazu gepasst, aber egal)

Aber so ist das ja ganz oft. Eiskalt springt sie Dich plötzlich an, die Menschlichkeit. Wo Du sie am wenigsten erwartest.

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