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Die Frau hat den Mann untergehakt. Sie gehen über die abgeernteten Felder. 

Kottan ist allein vorausgelaufen. Allein ist er gewohnt, das kann er gut. Er darf nicht mit den andern Hunden raufen, auch wenn die ihm blöd kommen. Wenn Sie kleiner sind als er schon gar nicht.

Sie haben gesagt, er rieche nach nassem Hund. Er versteht nicht, was sie ihm damit sagen wollen. Wie soll er denn nach nassem Mensch riechen?

Die Frau sperrt das zu Hause auf. Kottan allein voraus. Er lugt ins Wohnzimmer. Das doppelte Lottchen. Sie liegen ineinander verschlungen auf der roten Couch. Wie die Anfangsbuchstaben ihrer Namen, Lehmann und Lotta. Eine Festung.

Als er am ersten Tag auf den Schwarzen zugetapst war, hat der einen Buckel wie ein Kamel gemacht und ihn angezischt. Als Kottan an ihm riechen wollte, um sich vertraut zu machen, hat er ihm mit seinen Krallen einen Hieb versetzt. Warmes Blut war aus seiner Nase auf den weißen Teppich getropft. Die Frau hat das gesehen und den Kater mit scharfen Worten zurechtgewiesen. Danach war nur noch Hass in den Augen des Schwarzen, wenn er ihn sah.

An der kleinen grauen Katze konnte er auch nicht riechen. Die lässt der Schwarze nicht aus den Augen. Die wird sich vor lauter Angst noch selbst verschlucken.

Kottan Blick ist starr. Er marschiert ins Zimmer.

2 Augenpaare beobachten ihn von der Couch. Eines wird groß, das andere schmal. Er schlendert mit betont langsamen Hüftschwung zur Mitte des Zimmers. Der Königsstuhl, gegenüber der Couch. Knie beugt, Gewicht auf die Ballen verlagern, abdrücken und hochfedern. Auf den Platz des Hausherrn.

Lehmanns Augen werden zu Schlitzen. Lotta gafft.

Er hat sie zum Publikum gemacht.

Lehmann schließt die Augen.

Kottan reißt das Maul auf und zeigt beim Gähnen weisse Zähne.

„Und, hamma an scheena Nachmittag ghabt?“

Lehmann dreht den Kopf zur Seite.

Als der andere mit den Menschen aus dem Haus war, hatte er Lotta durch das Haus gejagt und ein bisschen vermöbelt. Danach hatte er ihren Kopf sauber geleckt (weiß der Himmel, in welchem Kellereck sie wieder gespielt hatte). Er war das große L auf der Couch und sie hatte sich als kleines L an ihn gekuschelt. Sie waren eingedöst. Hatten gewachträumt von Weihnachtsbäumen mit brennenden Kerzen, Geburtstagsthunfischtorten, Aufziehmäusen und Knackfolie mit kleinen Luftbläschen. Von der Zeit, als er noch geknurrt hatte, wenn der Briefträger Post durch den Briefschlitz warf. Die dunkelhaarige Frau und der blonde Mann gelacht, ihn in die Luft gehoben und geküsst hatten. Ihn ihren kleinen Wachhund genannt hatten. Sie hatten den andern nicht gebraucht. Seit der da ist, ist alles anders.

Lotta hat ihren Kopf unter Lehmanns Schulter geschoben. Wenn sie Angst hat, soll sie das machen, sagt er.

Sie stellt die Ohren auf.

Kottan springt vom Sessel und geht zu seiner Wasserschale. Er trinkt.

Selbstverständlich schlabbert er mit seinem großen Maul ganze Seen von dem weg, was vorher seins war. Seine dreckigen Pfoten hinterlassen einen Film auf den Fliesen. Das wird der Frau aber nicht gefallen, freut sich der Kater. Da wird sie ihn einmal nicht  loben. So wie sie ihn immer lobt, wenn er sein Geschäft gemacht hat. Lehmann atmet geräuschvoll durch die Nase aus. Der kann nicht mal allein aufs Klo gehen. Der Hellste kann der nicht sein.

Lehmann hat Lotta in den ersten Tagen beigebracht, was Sache ist, wie das hier läuft. Wo ist das Klo, wie vergrabe ich die Ergebnisse, wie merke ich an, wenn es nicht sauber genug ist.

„Des warad nix für Di gwesn, Oida. Zu nass. Zu anstrengend. Zu draussn.“ Kottan grinst.

Lotta hebt den Kopf. Draußen. Sie zittert. Lehmann erzählt ihr nie etwas von draußen. Es lohne nicht, sagt er. Lehmann war vor ihr hier.  Er weiß Bescheid. Er passt auf sie auf. Er sagt ihr, was gut für sie ist. Handgriffe können überraschend kommen. Radiomusik die Ohren platzen lassen. Stimmen wehtun.

Kottan rollt sich auf dem Teppich ein. 

Seinem Kratzteppich.

„Sie. STINKEN.“

Er spuckt die Wörter auf den Teppich, dem Köter vor die Füße. Er hat heimlich geübt vor dem langen Flurspiegel, wie man die Nase nach oben und die Mundwinkel nach unten zieht.

In diesem Moment öffnet sich die Tür. Die Frau blickt ins Zimmer. Wie auf Kommando schließen alle drei die Augen. Kottan grunzt. Lehmann schnarcht zart. Lotta atmet. Meine Süßen, denkt die Frau.

In dem Moment, in dem die Tür ins Schloss fällt, werden Augen geöffnet und Blicke in Position gebracht.

Kottan starrt Lehmann an. Dann verdreht sich sein Labrador Mund zu einem höhnischen Grinsen.

„Des is da Duft der groassn weitn Welt. You wouldn´t know“. Er hustet ein heiseres Lachen.

Lehmann kocht.

Seine Welt ist an der Tür zu Ende. Die Frau hatte sein seidiges Fell gestreichelt und ihm ins Ohr geflüstert wieso. Er hatte sich sehr besonders gefühlt.

Seine Welt hat ihm gehört. Ihm ganz allein. Er hat seine Welt kontrolliert. Mit kleinen Klapsen bestraft, mit Liebesentzug Fehlverhalten geahndet. Mensch und Tier. Sie hatten ihm gehorcht. Dieser Hund spricht eine andere Sprache. Er muss aufpassen wie ein Habicht, damit die Kleine weder den Menschen noch dem Köter zu nahe kommt. Sie ist doch so naiv mit ihren 3 Jahren. Sie ist vom Staubsauger beeindruckt.

Lotta will zu den Wasserschalen. Lehmann versperrt ihr den Weg.

„WIR sind kostbar. UNS würde man stehlen.“

Kottan, im Auge des Orkans.

„Hams eich des gsogt, oda?“  Heiseres Lachen.

Lotta versucht sich an Lehmann vorbeizuschlängeln, doch er dirigiert sie zur Tür. Er richtet sich zu seiner vollen Größe auf. Du musst jetzt nicht trinken. Du musst jetzt aufs Klo. Lotta wird geschoben. Es gibt nur einen Weg, den sie gehen kann.

Lehmann springt hoch. Er sieht sich: geschmeidig, erfahren, die personifizierte Eleganz. Manche Tricks behält er für sich.

Der Kater plumpst wie ein Mehlsack auf die Klinke, die Tür öffnet sich.

Er ist ein Zauberer, denkt Lotta.

Sie wirft Kottan einen scheuen Blick zu. Kottan ist schnell. Er fängt ihren Blick auf und zwinkert zurück.

Lottas Augen werden zu Tellern. Sie hopst vor Schreck in die Höhe. Vor lauter Herzklopfen läuft sie gegen den Türrahmen, bevor der dunkle Hausgang sie verschluckt.

Kottan und Lehmann fixieren sich gegenseitig. „Bester Freund des Menschen“ spielt ohne Zweitbesetzung.

„Blöder Hund“, zischt Lehmann.

„Lahmarsch“, murmelt Kottan.

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