Heute ist die Sonne keine dumme Sau:                                                                                                                    

aus dem Himmel lachen Botticelli-Augen, azurblau mit goldgelben Flecken.

Sie gehen auf die Staffelalm

Sie hat noch eine Rechnung offen mit der Staffelalm. (Staffelalm. Staffellahm. Staffelgram.)

Bundesjugendspiele.

Sie hat ihre neuen rosa Shorts und die Snoopy Unterhose an. Ihre Labello Lippen glänzen in der heißen Julisonne. Sie wird wie der Blitz über die Aschenbahn sausen. Ihr langer brauner Pferdeschwanz wird hin- und herfliegen. Die Mädchen werden neidisch blicken und die Jungs werden alle „Wau“ sagen. Und Maximilian König wird sich in das schnellste Mädchen der 4. Klasse verlieben.

Die 4. Klasse kann sehr einsam sein, wenn man den Stab bei der Übergabe fallen lässt und ihn vor lauter Schreck darüber noch ein zweites Mal verliert. Feuchte Kinderhände. Nach dem Sportfest radeln alle ins Freibad. Annemarie Bischoff ist schnell, schneller als sie. Bevor sie einen Plan hat, hat Annemarie Bischoff ihr Badelaken neben Maximilian König auf den Holzbretter ausgebreitet und die beiden sind ein Paar. 3 Wochen bis zu den Sommerferien. Danach haben sie sich auseinanderentwickelt, weil Annemarie mit ihren Eltern nach Fuerteventura geflogen ist. 

Aufstieg zur Staffelalm. Sie hasst aufwärts. Er erzählt ihr von Beppo Straßenkehrer, immer nur ein Schritt, ein Strich, ein Schritt, ein Strich. Nicht nach oben sehen oder vorne, nur nach unten und auf den nächsten Schritt konzentrieren.                                                                                                           

Er sagt, es wird Herbst.                                                                                            

Die Blätter einzelner Laubbäume zeigen erste Verfärbungen.                                      

Sie ist anderer Meinung, der Sommer muss nicht immer gut drauf sein, oder? Kleine Steinchen liegen auf dem Waldweg, am Abhang plätschert eine Quelle.                   

Wenn das Wasser unten bleiben darf, wieso muss ich dann hoch? fragt sie.              

Weil Du es willst, sagt er.                                                                                        

Ach ja.

Jede Bank will sie zum Hinsetzen überreden. Sie käme nicht mehr hoch.                

Mach kleine Schritte, sagt er. Übe Dich in Konstanz.                                                  

Sie nennt ihn Klugscheißer.                                                                                     

Die Stelle, wo der Waldweg in die Almstraße übergeht.                                            

Hohe Bäume, groß wie Kirchen. Das Licht fällt durch Kirchenfenster auf den Moosboden und bricht sich in tausend kleinen Scherben.                                                         

Claude Monet, denkt sie.

Sie keucht und  kann sich ihre Schritte nicht einteilen.                                                 

Im Alltag rast sie wie von einer Hummel gestochen durch die Gegend oder schläft beim Schlurfen fast ein. Langsam kann sie nicht.

Die Luft wird dünner. Und frischer.

Einige entwurzelte Giganten liegen zwischen ihren Baumkollegen.                               

Sie fragt sich, ob die jetzt glücklicher sind, vielleicht liegen sie ja ganz gern da. Müssen sich nicht mehr jeden Tag bemühen, mit den anderen mitzuhalten.

Sie ist froh, dass ihre Beine, im Vergleich zu ihrem Mund so klug sind und einfach gehen. Die Beine überreden den Mund, zu schweigen, der Mund gibt nach.                          

Noch eine Biegung, noch eine Steigung, ihr Herz lacht.                                             

Beine und Mund freuen sich mit den Augen. Sie sind da.

Oben angekommen kaufen sie sich Brote mit Bärlauchkäse und rotem Pfeffer und ein Stück Linzer Torte. Sie schwört, der beste Kuchen, den sie je gegessen hat, buttrig, karamellisiert am Boden, mit Nusszimtbergluft Aroma.                                               

Sie überlegt laut, wie sie das Stück, das sie noch kaufen will, ins Tal transportieren soll.

Gar nicht, sagt er. Was bringt es Dir, ein Stück mitzunehmen? Lass ihn hier, in Deiner Erinnerung, als bester Kuchen der Welt.                                                                      

Er schlägt sie mit ihren eigenen Waffen. Ein Kuchen ist kein Kuchen. Was sie immer sagt.                                                                                                                        

Sie nennt ihn Klugscheißer.

Sie lässt liegen:                                                                                                       

den Kuchen auf der Alm, die Fotoschutzhülle neben der Kuh und ein Paar lila Socken im Wald.

Sie nimmt mit:                                                                                                  

zahllose Mückenstiche, Fotos von Kuhaugen und die Erkenntnis, dass die Bundesjugendspiele erfunden worden sind, um kleine Kinder zu quälen.                    

Willst Du einen Mann beeindrucken, halte Dich fern von Stafelläufen, halte Dich an rosa Shorts.

Weltenseele Kuhauge

Kuh- Gang

Individualisten Kuh

Advertisements