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Wenn ich arbeite, versuche ich eine Insel zu sein. Unrat, Seerosen, Flaschenpost sollen an mir vorbeitreiben. Ich habe weißen Strand, der in der Sonne glitzert und Baccardi-Werbung-Hängematten. Da lieg ich drin, als Insel auf der Insel und lächle das Meer an.

„KLO?!“

Ich blicke freundlich. (Ich bin eine Insel. Du bist eine Insel.)

„KLO-HO?!!“

„Sie möchten gerne wissen, wo sich die Toilette befindet?“ (Ich bin eine Insel, Du bist eine Insel. Ich bin eine Insel, Du bist eine Insel)

Er verdreht die Augen.

„Ja-ha!“

(Tief durchatmen. Ich. bin. eine. Insel. Bin eine Insel, eine InseleineInseleineInseleineInsel)

Einige sagen gar nichts. Legen Ihre Bücher wortlos ab.

Manchmal verstimmt es mich, dass sie nichts sagen. Ich hebe mit stillem Vorwurf den Kopf und sehe, dass meist ein lächelndes Augenpaar auf mich gerichtet ist. Dann bin ich jedes Mal überrascht. Und ein bisschen erschrocken. Dass ich die Situation so falsch eingeschätzt habe.

Einige sagen „Hallo“, oder „Guten Abend“, manche wünschen einen schönen Tag, sind freundlich. Ganz viele ein schönes Wochenende. Weil sie sich selbst darauf freuen.

Rothaarige, schwarzhaarige, braunhaarige, blonde Menschen. Manche mit Glatze, einige große Ohren, diverse kleine Nasen, die ein oder andere fliehende Stirn, viele lachende Münder.

Manche lächeln nicht. Sie schauen böse. Sie sind beleidigt. Wegen der U-Bahn, die zu voll war, wegen der Nachbarin, der arroganten Kuh, die nie grüßt, wegen des Systems. Das sie benachteiligt.

Sie erzählen von Autos in Halteverboten, kranken Kindern, abgestellten Telefonen, Umzügen, Kisten, Kartons, verschwundenen Hunden, verreisten Katzen.

Es passiert so viel in den Leben dieser Menschen.

Man schämt sich fast, auf einem Rückgabedatum zu bestehen. Ein Leihfristende ist nicht immer integrierbar in ein Menschenleben. In ein Einzelschicksal. Jedes Leben ist ein Einzelschicksal. Auch meins. Mein Schicksal ist es, mir das anzuhören. Und eine Insel zu sein.

Und im Hinterkopf zu behalten, daß vieles im Leben eine Frage des Blickwinkels ist. Abhängig davon, auf welcher Seite des Hebels , des Schalters, der Kasse  oder der Tür man steht.

„DAS IST JA UNVERSCHÄMT WIE TEUER SIE SIND!“

Ich schüttle unmerklich den Kopf, antworte leise, dass ich unbezahlbar sei.

Sie sind alle Menschen die es gibt. Alle Menschen und ein einziger.

Einmal im November hat mir ein Mann erzählt, abends stünde er immer am Fenster und blicke auf den Lichtschein der Straßenlampe. Stets die stille Hoffnung im Herzen, es möge schneien.

So alt ist er geworden, doch beim Zurückziehen der Vorhänge hat er das gleiche Gefühl, wie vor 60 Jahren. Wenn alles weiss glitzert und über Nacht das Grau verwandelt hat. Die Freude ist ihm geblieben. Egal wie ungerecht das Leben auch ist. Und wie wenig es sich um ein Einzelschicksal schert. Manches bleibt aussergewöhnlich und gut.

Alle Menschen. Und ein einziger.

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