Schlagwörter

, , , , ,

Soffal. Meine Omi hat die Abkürzung ihres Namens immer gehasst. Deshalb heiße ich heute auch nicht so. Jetzt heiße ich wie die Sprechstundenhilfe der Frauenärztin, zu der meine Mutter immer gegangen ist. Meine Mutter und ich haben Omi heute im Altersheim besucht.

„Sophie H.“ steht auf dem Schild neben ihrer Tür. Sie hat ein Einzelzimmer.

Sie geht nicht gerne zur nachmittäglichen Kaffeestunde mit den anderen Damen.

„Ich hab mir kein Einzelzimmer gekauft, damit ich mich jetzt mit anderen Leute unterhalten muss!“

Sie richtet sich auf. Sie sitzt in ihrem mit dunkelroten Stoff bezogenen Sessel. Es hat draußen 27 Grad. Sie hat eine Wolldecke auf den Knien.

„Die Frau Wimmer, die schaut ganz normal aus. Aber die redet und redet und redet und redet, ohne Punkt und Komma!“ Sie verstellt ihre leise Stimme theatralisch, “ von der grooossen, weiiiten Welt. Damit hab ich´s gar nicht.“

Lautes Rasenmähergeräusch dringt ins Zimmer. Ich schließe das Fenster.

„Du musst mehr trinken Mama“, sagt meine Mutter. Omi lächelt frech, „Ja Frau Doktor. Viel Trinken, das macht schön und klug.“

Seit zwei Tagen wollte sie Apfelschorle trinken. Sie war zu schwach um den Schraubverschluss zu öffnen und zu stolz, um eine Schwester zu fragen. Ich frage sie, was es heute zum Mittagessen gegeben hat. Sie müssen immer eine Woche vorher ausfüllen, was sie gerne hätten.

„Ich hatte Fisch. Die anderen haben alle die Mehlspeis gegessen. Mehlspeis!“ Sie verzieht ihr Gesicht. „Dafür gebe ich meine Stimme nicht!“ Resolut atmet sie die Luft durch die fein geschwungene Nase.

Ich sehe sie an. Sie hat das gleiche Gesicht wie meine Mutter, nur ein bisschen schmaler. Sie hat die gleiche weiße Haut wie ich. Bei ihr sieht man so gut wie keine Pore, keine Falte. Ihr Gesicht sieht aus, als wäre es aus Porzellan gemeisselt.

Meine Mutter könnte bei Sonne den ganzen Tag im Garten herumwerkeln. Omi mag keine Sonne. Genau wie ich. Wir mögen es beide lieber, wenn es regnet.

Eine fröhliche Pflegerin Ende 40 steckt ihren Kopf zur Tür herein.

„Miss Sophie, Kaffee für Sie?“

Obwohl Mama es ihr oft erklärt hat, versteht sie nicht, warum die Pflegerin sie mit Vornamen anspricht. Sie erinnert sich nicht mehr an „Dinner for one“, the same procedure as every year.

„Die jungen Leute, gut aufgelegt wie sie sind.“ Sie missbilligt diese Form von Vertraulichkeit. Ich trinke einen Schluck Schorle.

„Warst Du schon immer so ungesellig Omi?“

Sie lächelt ein bisschen und schüttelt unmerklich den Kopf.

„Das war noch nie meins.“

Aus dem Nichts fängt sie plötzlich zu erzählen an, von einer Maiandacht. Einem jungen Mann, der an der Kirchenecke auf sie gewartet habe. Ihre Augen werden schmal. Sie erzählt von ihrer Tante, die sie in scharfem Ton gefragt hat:

„Wartet der auf DICH?“

Sie bricht ab.

„Wenn man jung ist, ist das alles anders“, sagt sie. Ich widerspreche. Ich sage ihr, dass ich schon mit 20 so ungesellig war, wie sie jetzt. Sie sieht mich erstaunt an. Sie lächelt verwundert.

„Gibts des a? Weißt, Kind, andere Leute, in gewisser Weise sind sie doch fremd. Ich bin ein alter Hut. Ich sollte lesen und fernsehschaun, mich interessieren. Aber ich sitze lieber hier und denke nach. Denke nach über alles. Nur heute Nacht, da hab ich gedacht, jetzt ist es so weit. Ein Herz hält ja so viel aus. Mein Herz war immer so brav und so faul. Aber jetzt, jetzt spür ich´s.“

Sie legt eine Hand auf ihre Brust.

„Ich muss nicht mal meine Hand aufs Herz legen, und ich spürs so sehr, wie es schlägt. Ich glaub, das viele Schlafen, das ist einmal mein Tod.“

Ich muss schlucken. Einschlafen und nicht mehr aufwachen. Wär das nicht schön? Eines Tages? Für mich, eines Tages.

Ich beuge mich zum Abschied zu ihr runter und gebe ihr 2 Bussis auf die Porzellanhaut. Sie sieht mich an. Sie nickt. Sie sagt zu meiner Mutter, „hübsch ist sie.“

Wir stehen vor dem Spiegel im Flur. Dreimal das gleiche Gesicht.

Im Auto höre ich die Stimme meines Bruders sagen, „ja aber weißt ja, die Omi ist eine alte Frau, die sieht nicht mehr sehr gut.“

Advertisements