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Heute habe ich wieder diesen Menschenhass. Ein Tag, wo mich niemand ansprechen darf. Wo jedes Wort wie Zentner Blei auf mich fällt. Niemand etwas außerhalb der Reihe von mir wollen sollte. Weil ich das dann machen muss und mein Hass noch größer wird. Kreislauftropfen gegen den Schwindel, ein böses Gesicht gegen die Menschen.

Seit ich schreibe, erscheint mir das, was ich in Gesprächen von mir gebe, zunehmend fehlerhaft. Es gibt zu viele Sätze in meinem Leben, zu viele Wörter, die die Geschichte, meine Lebensgeschichte nicht vorantreiben. Beim Schreiben ist das anders. Ich habe Stunden Zeit um an einem Satz zu feilen, ihn zu drehen und zu wenden, seine Aussage, seine Wirkung zu überprüfen. Da ein Komma hinzufügen, da ein Wort weg, da noch ein Ausrufezeichen.

Als Kind haben sie mir gesagt „erst denken, dann reden“. Mein Sprech- und Denkzentrum arbeitet leider zeitgleich. Schnabel auf, Wörter enteilen, begleitet von gedachten pro und kontra Abwägungen. Warten? Hey ho! Was zu lange liegt wird schlecht, also immer raus damit, raus!

Ich sitze im Zug nach Salzburg. Ich frage das Mädchen gegenüber von mir, ob es sie stört, wenn ich meine Schuhe ausziehe. Sie lacht und verneint. Ich trage heute keine Ringelsocken. Ich trage schwarz. Meine Haare kleben an irgendetwas an der Kopflehne des Zugsitzes fest. Ich schließe meine Augen. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Das Wetter ist auch so eine dumme Sau. Jetzt war die liebe Frau Sonne so lange nicht da, braucht sie sich jetzt auch nicht mehr so halbherzig an mich ranschmeißen.

Ein paar Jungs gackern am Hauptbahnhof. Sie haben mir mit einem Strohhalm spuckenasse Papierkügelchen an den Hals geschossen.

Ich rede mit meinem Freund, dem Koch. Erst da wird mir wieder klar: andere Leute können ja gar nicht sehen was ich denke! Weil jeder mit sich selbst beschäftigt ist! Ich bin das ja auch meistens. Auch ich kann in niemanden hineinsehen. Und das ist oft auch gut so. Das gibt einem eine gewisse Chance. Man hat Zeit, zu versuchen das normale nachzuahmen. Und wenn man Glück hat und das hat man ja oft, merken sie es nicht, dass man nicht bei sich ist. Und wenn man wieder Glück hat, dann fällt man irgendwann wieder zurück in sich. Und ist wieder daheim. Und es ist gut.

Die Bühne ist nass geregnet.

Die Scheinwerfer fallen aus.

Die Bühnentreppe bricht.

Der Ton hat ist mal laut mal leise.

Die Kommentare danach in der Umkleide.

„Diese nasse Bühne betrete ich morgen nicht mehr!!!“

„Wir werden künstlerisch hier nicht ernst genommen!!“

Bekomme ich eine Depression? Ich höre diese Worte, aber sie berühren mich nicht mehr. Diese Sätze. Aufgeblasen. Unwirklich.

Ich muss lachen.

Edi bringt mir ein Red Bull. Ich hab so etwas noch nie getrunken.

 „Trink meine Kleine“.

Schmeckt nach Gummibärli.

Der soll ja Flügel verleihen.

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