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Wir tanzen. Zarte Tropfen benetzen meine Wangen. Wir wirbeln im Kreis. Ein verstohlener Seitenblick auf die Kollegen. Wir prosten uns zu. Die Luft, die ich atme, wird nasser. Wir machen angestrengte Lachgesichter, es ist nicht mehr zu ignorieren.

Es regnet.

Die Vorstellung wird unterbrochen. Umzug.

Jetzt geht alles sehr schnell, weil es sehr schnell gehen muss. Die Bühnenarbeiter zerlegen die Stellwände mit geübten Handgriffen. Röcke, Schuhe und Hosen werden in große Taschen gestopft. Ich mag diese konzentrierte Stimmung. Ein gemeinsamer Feind, der Regen.

In groteskem Partyoutfit stürzen wir bepackt mit riesigen Taschen und diversen Sensen und Trommeln zur Festungsbahn. Geschminkt wie in einem Fellini Film. Nicht das typische Sonntagsnachmittags Ausflugsgrüppchen.

Jeder Schauspieler hat eine Monatskarte.

Die Angestellten der Festungsbahn kennen uns.

 

„Ausweis?“

„Äh, bitte, wir müssen unten weiterspielen.“

„Ausweis brauchans aber trotzdem.“

Einige stellen ihre Taschen, einer bösen Vorahnung folgend, ab. Ich schwitze. Ein dünnes Rinnsal läuft von meinem Hals in den Nacken, ich weiß nicht, ob Schweiß oder Regen.

Ich trete einen Schritt auf ihn zu.

 

„Schauns mich an!“

 

Große rote Kreise, Puppenwangen, ein übergroß gemalter roter Lippenstiftmund, eine Plastikbabypuppe im Arm, eine rosa Baskenmütze samt Blume im Haar.

 

„Ja, aber es is so. Wenn Sie einen Ausweis haben, brauchen Sie auch einen.“

 

Die Gäste sitzen jetzt bereits im Stiegl-Keller und warten auf uns. Ich stelle meine Tasche ab. Jetzt hat der Spaß ein End. Das ist alles was ich denke. Jetzt müssen Entscheidungen gefällt werden. Meine Stimme ist so kalt wie meine Füße.

 

„Müssen wir den Ausweis jetzt suchen oder lassen Sie uns durch?!“

 

Widerwillig gibt er das Drehkreuz frei. Er kommentiert unser Durchgehen mit den Worten, es müsse alles seine Ordnung haben. Und es käme auf den Ton an.

Während ich mich in eines der Abteile quetsche, fällt mir etwas auf.

Immer wenn ich in meinem Leben dem Argument: „Es muss schließlich alles seine Ordnung haben!“ begegnet bin, waren diejenigen die es benutzt haben, vom selben Wurf.

Kleine Geister in vermeintlichen Machtpositionen.

Ich schaue auf meine Uhr. Er lässt uns über 20 Minuten eingepfercht in der Bahn warten.

Das ist seine Rache. Ich weiß, dass er insgeheim auf die Frage, die irgendeiner stellen wird, sehnsüchtig wartet. Sich wie ein kleines Kind freut, als sie kommt.

 

„Bitte, wann fahren wir runter?“

 

Mit gehässigen Augen meint er, er fahre wie immer, alle 10 Minuten.

Nach weiteren 5 Minuten schließt er die Tür.

Ich weiß, er wird noch nicht fahren.

Er wird das auskosten. Das hat er nicht oft in seinem Leben.

Erst nach weiteren 5 Minuten fährt er los.

Das Publikum ist nicht angesäuert, im Gegenteil.

Die Stimmung, die uns entgegenschlägt, ist gelöst, heiter. Fast könnte man meinen, erst dieser ungeplante Umzug, dieser unvorhergesehene Blick hinter die Kulissen hat diese Vorstellung zu einem besonderen Abend gemacht.

Blitze zucken und erleuchten damit den Himmel, ich kann den Dom hinter den Glasscheiben des Saales sehen. Fest und unbeweglich. Der Regen prasselt gegen die Fenster.

Die Vorstellung war wirklich schön.

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