Die alte Frau neben mir schmatzt.

Neben ihrer Melange steht ein kleiner Unterteller. Auf den hat die Bedienung mit den kurz geschorenen, knallrot gefärbten Haaren 5 kleine Kekse gelegt. Es sind die Kekse, von denen man sonst immer nur einen zu seinem Kaffee dazubekommt, die besonderen Kekse.

Die Bedienung ist an der Lippe gepierct. Sie hat einen kleinen Schmetterling auf die obere Hälfte der linken Wange tätowiert.

Die alte Frau hat ihr Gebiss rausgenommen und auf die andere Seite der Melange gelegt. Sie mümmelt still vor sich hin.

Sie schmatzt in einer Lautstärke, die mich wahnsinnig macht.
Ich fange an, nur noch dieses Schmatzen zu hören.

Und immer ist da ein Kind das schreit. 

Immer steht eine Frau neben mir, die laut mit ihrem Handy telefoniert.

Sie nötigen mir ihre Existenz auf. Sie zwingen mich, sie wahrzunehmen. Sie zerren mein Gesicht an ihre Münder. Sie halten mich dort fest, mit Gewalt. Sie brüllen mir ins Ohr. Sie wispern, kichern, atmen, schmatzen, gackern, kratzen sich, schlürfen, grunzen, beißen ab und schnattern.

Ich versuche mich zurückzunehmen, rauszunehmen.

Mich farblos zu machen. Dünn.

Bis es mich kaum noch gibt.

Mir ist schlecht. Mich friert.

Ich warte auf den Abend. Wenn ich Theaterkleidung anziehen und mich schminken kann. Wenn ich mir ein anderes Leben, ein anderes Nervenkostüm überstreifen werde.

Das Schmetterlingsmädchen tippt mir lachend auf die Schulter.

„Ja seawas! A Melange?“

Lacht mir durch meine Augen direkt in mein Herz hinein.

Mir wird ein bisschen wärmer.

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