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Gastspiel zu Hause.

In der Kirche, in der ich Kommunion gehabt habe.

In der Kirche, in der ich als 9-Jährige in die Stille der Osternacht gefallen bin. Dunkle Zöpfe, weiße Bluse mit hellblauem Pfadfinder Wichtel Abzeichen, dunkelblauer Rock, hellblaues Halstuch.

Das Osterlicht wird mit einer Kerze aus der Nacht in die dunkle Kirche getragen. Ich bin stolz. Das riesige Pfadfinderbanner mit beiden Händen fest umklammert. Ich kann es kaum halten, vorne neben dem Altar. Das feixende Gesicht eines Ministranten vor mir. Er lässt das Weihrauchgefäß direkt vor meiner Nase baumeln, von links nach rechts, von rechts nach links.

„Sabine, Sabine“, flüstere ich. Das kleine Mädchen neben mir hört mich nicht.  Es muss sehr laut gekracht haben als ich mit der Fahne umgefallen bin. Der Mesner beugt sich über mich, hebt mich vom Boden auf. 3 Pfarrergesichter, seitlich auf mich blickend. Die Nonnen in der ersten Bankreihe. Alle Augenpaare. Irgendwo das meiner Mutter.

In der Kirche, in der ich vom späteren Papst gefirmt worden bin.

Variationen von lila Blumen an der weißgetünchten Kirchenmauer. Ich sitze hinter dieser Kirche auf den Steinstufen und blicke ins Tal.

Der Mesner Anton wird nur für mich die Krypta aufsperren als Garderobe, weil unser Hauptdarsteller die Sakristei belegt.

Der Mesner Anton, der mich kennt, seit ich mit meinem Bruder die Rosenkränze mit der Blockflöte begleitet habe. Es klackt hart und laut, wenn eine Blockflöte auf Stein fällt. Ich bin oft umgefallen in dieser Kirche. Und immer der Weihrauch.

Die Sonnenstrahlen wärmen mich.

Das große Weihwasserbecken am Eingang, neben dem sich das ganze Ensemble versammeln und auf den Einzug in die Kirche warten wird.

Die 6 m hohe Jesusstatue, unter der ich in zwei Stunden im dünnen Hemd liegen werde. Meine Mama wird nur daran denken, dass ich mich erkälten werde.

Ich werde andeuten, wie ich den dünnen Vetter unzüchtig berühre. Und mein Vater wird sich Sorgen machen, was der Pfarrer darüber denkt. 

Mein Papa hat von einem Bauern eine Sense für den Tod besorgt.

Die letzten Wochen waren Plakatwände sein großes Thema. Bei jeder Fahrt durch die Stadt wurden die aktuellen Plakatwandzustände kontrolliert. Leimtopf und Pinsel im Kofferraum. Wie ein Notarzt, immer im Einsatz. Unterstützt wurde er dabei von diversen Informanten, die in telefonischer Plakatwand Hotline mit ihm standen.

Nach der Aufführung
„Frau Z, was sagen Sie zu Ihrer Tochter?“
 Sybille sagt sie, denk ich mir.
Später. Gemeinsames Essen. 
Der Hauptdarsteller sitzt mit seinem tief ins Gesicht gezogenen Hut in der Ecke zwischen Tür und Wand.
Seine Lebensgefährtin war in der letzten Vorstellung. Sie ist eifersüchtig auf seine Partnerin. Was sie ihm sagt ist, dass er sich künstlerisch nicht weiterentwickele.
Das Ensemble isst.
Heiterkeit. Gelöstheit. Verbundenheit, trotz allem.
Brotkörbe werden gereicht, Radieschen, saure Gurken, Aufschnitt, Radler, Weißwein.
Mit jedem Bissen, jedem Schluck wächst sein Hass.
Wächst das Bedürfnis, diese Harmonie zu zerschlagen.
Erst nur ein Wort, zwischen zusammengepressten Zähnen. Dann ein Satz, halblaut, dann zwei und plötzlich werden seine Sätze gehört. Von denen, die sie treffen sollen.
Dann fliegen sie hin und her, die Sätze, sind nicht mehr aufzuhalten.
Stühle fallen.
Der Hauptdarsteller ist aufgrund seines im Nachhinein unklug gewählten Eckplatzes nicht in der Lage, seinen Standpunkt so schnell zu wechseln wie der Regisseur.
Mein Vater lächelt verunsichert. Dann sieht er zunehmend unglücklicher aus. Er weiß nicht, wo er hinblicken soll.
Ein Sommergewitter zieht durchs Land.
Die Bäume, die vorher bereits morsch standen, sind gestürzt, das Wasser ist über das Flussbett getreten.
Das Gewitter zieht vorbei, in ein anderes Land.
Der Schaden ist beträchtlich.
Die Trümmer werden in den reißenden Fluss geworfen oder unter den Tisch gekehrt.
Meine 16-jährige Nichte ist gleichsam schockiert und fasziniert.
Ich drücke ihr Knie unter dem Tisch.
„Allein dafür war es wert, dass ich mitkommen bin“, flüstert sie mir mit funkelnden Augen zu.
Der Hauptdarsteller verabschiedet sich von meinen Eltern mit einem gefrorenen Grinsen. Künstlich. Wie eine kandierte Kirsche.
Manchmal wäre ich gerne Sennerin. Auf einer einsamen Alm.
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