Damenbart

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Ich bin eine ganz normale Frau, der Typ Frau, der nicht an ein paar günstigen Bart-Tattoos vorbeigehen kann. Der Damenbart hat jetzt nicht wirklich ein gutes Image. Vermutlich hat er eher gar kein Image und wenn man sich entscheiden müsste ein schlechtes. Ich erinnere mich genau genommen nur an diese eine Schauspielerin aus Berlin (Liebling Kreuzberg?), die Schnauz trug.
Vieles was selten ist, will man haben. Ungestraft spielt mir das Leben keine Bart-Tattoos in die Hände!
Auf der Verpackung steht: „Add flair anywhere“.
Das ist es, was ich meine: stilvoll Stimmung verbreiten kann so einfach sein.
„El bandito“:

095

„Der reiche Onkel“:

106

„Der Professor“:

129

„Der Sheriff“(Hercule Poirot-inspiriert):

135

„Der Magnum“:

082

„Der Dandy“:

156

„Der 2-Finger-Bart“ (Dschinghis-Khan):

141

„Der Aufreißer“:

177

„Der Bösewicht“(hispanoamerikanisch):

171

„Der Klempner“:

181

„Das Weichei“:

162

„Der U-Bahn-Schaffner“:

192

So kann jeder es mit dem Fasching und den Bärten halten wie er will.
Herr Lehmann für seinen Teil beobachtete gestern das Faschingstreiben durchs Fenster:

„Wow. Dieses Mal bin ich von Anfang an dabei, nichts lass ich mir entgehen. Keiner hat hier Spaß ohne mich.“

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Alternative Eispalast

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Ich möchte nicht über die Hitze reden, nee, will ich wirklich nicht. Ich möchte nichts von Gefriertruhen erzählen, in die man im Supermarkt seinen Kopf stecken kann, bis die Nasenschleimhäute zusammenkleben. Dieser wertvolle Tipp wird schließlich jedes Jahr aufs Neue von mir gegeben.
Aber wegen der Mietpreise und den Hundstagen, es kam da einfach eins zum anderen und ich habe mir gesagt: jetzt ist Schluss, jetzt mach ich mein eigenes Ding.
Ich sage nur: Eispalast.
Ich hab das gesamte Ensemble mit original Schnee aufgebaut. (Jaaa, und jetzt krieg Du mal im Moment Schnee her.)
Von vorn:     058 Von hinten: 085 Natürlich hat die himmelblaue Wendeltreppe mein Herz sofort im Sturm erobert. Wobei ich mich nach wie vor frage, wie wir in den 2. Stock hochkommen sollen, die hört ja plötzlich auf! Obwohl oben unsere coolsten Sachen sind: 071 Unser Hausbuch z.B. Ätsch! Oder Pilutta!, wie man in Schweden sagt. Die Elsa, die ist nämlich nicht nur bezaubernd schön, nee, die liest auch mal ein Buch. 076 Wir haben eine doofe Fackel (zieht natürlich auf d´Nacht scheiße die Stanzen an, aber das mit der Fackel auf dem Balkon rumstehen ist halt ihr so ihr Ding, kannst Du ihr nicht ausreden.) Aber die Aussicht! Buckingham Palace ein Dreck dagegen.   078067   Neben der Fackel haben wir jede Menge Eissterne, Eiszapfen 082   081 und Deko Eiskrimskram. (Ehrlich gesagt, ich bräuchte das alles nicht, aber ich bin „die Neue“, ist ein bisschen schwierig.) 069 Halten Sie sich fest, weil jetzt kommt´s: wir haben einen Skiständer, mitten im Haus! 073 Ich darf mir immer ein Steckerleis nehmen, wenn ich mag. 072 Wer mich etwas nervt, ist ihre kleine Schwester, die den ganzen Tag vorm Haus rumschreit. Der Schneemann? Schätze man kann sich seine Nachbarn nicht aussuchen. Ich weiß auch nicht, was er da für einen komischen schwarzen Knubbel auf der Brust hat und trau mich nicht fragen, falls es was Ungesundes ist. 063  080     Wenn jemand Playmobil Spielzeug hat, mit dem er nicht klarkommt: ich bau das zusammen. Kein Lillifee Schweinestall, wir reden cool stuff, wir reden Simpsons Haus, die Tower Bridge, so was alles. Ich will auch nicht spielen damit, versprochen.

Blicke selbstbewusst in die Zukunft, was mein nächstes Ikea Regal angeht.

Sehschwäche

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Knoblauch vor ein paar Wochen gekauft, können auch Monate sein.
Eingeräumt, mit gutem Gewissen vergessen (wie man gekauften Knoblauch vergisst.)
Kann sein, dass mein Blick ihn gestreift hat, als ich die Milch herausgeholt habe. Was weiß ich, irgendwie wichtig?
Der Käse, was der Knoblauch war auch da? Ja, schon. Und?
Könnte nicht sagen, ob es gestern war oder morgen oder ob es nur das Bild irgendeines Knoblauchs war, dass ich nie auf Richtigkeit überprüft habe.
Wochenende, neues Rezept.
Ein halber Blick, er ist kaum einen Gedanken wert, zwei Strünke.

Jetzt braucht ihr mich. Ha. Jetzt sollt ihr mal sehen.
Sie schält die Zehe, da, sie wundert sich. Meine äußere Haut ist verwachsen mit der inneren, ich bin nur noch diese eine Schicht. Sie wirft mich weg. Sie runzelt die Stirn, nimmt eine zweite Zehe. Bald wird sie es sehen, bald merken, auch hier existiere ich nicht mehr, ich bin nur noch Hülle, tralalala, ich habe Euch alle betrogen. Ich gebe Euch nichts mehr, nichts, keinen Kern, den ihr verwerten könnt.

Noch eine, noch eine aufschneiden, es braucht doch nur 2 Zehen, wo man all die Zeit zwei Strünke im Kühlschrank hatte, ich meine….  Müssen ja nur zwei Zehen sein, zwei Zehen werde ja wohl noch da sein, müssen doch.

Muss nichts.
Sehen aus wie eben gekauft, nach außen die Haltung bewahrt.
Fit for eating, aber nur gelogen.
Innen ist schon lange nichts mehr.

Ich lass das jetzt so

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Als wir das Wochenende vor Weihnachten in Berlin waren, hat sich vor unserem Hotelfenster ein Mann umgebracht.

8:00 morgens: Vorhang zurück, Blick aus dem Fenster, alles okidoki.
8:02 morgens: Blick aus dem Fenster, liegt ein Mann davor.

Menschen laufen aus dem Hotel, Blicke nach oben zum gegenüberliegenden Haus,
„der ist gesprungen!“ „Zieh die Vorhänge zu, schau Dir das nicht an“
Rettungswagen und Polizei und Notärzte.
Im Fernsehen wird immer nur ein paar Mal wiederbelebt, dann kommt der lange Pfeifton.
Das ist in der Realität anders, unbezahlbare Fernsehzeit wäre das, bis wir beide geduscht und fertig angezogen sind,
gut 45 Minuten lang.
Ich sehe seine Füße in braunen Halbschuhen und einen nackten, weißen Männerbauch, der in die Höhe hüpft, immer wieder –
und alles, was ich denken kann ist, im Fernsehen ist das viel kürzer, wie lange, wie lange wird das gemacht.
Früher habe ich mir immer dann, wenn es mir gut ging, ausgemalt, was alles Schlimmes passieren könnte. Na, das ist aber mal schlau, oder?
Ich hatte einfach das Gefühl, zu viel Glück macht wehrlos.
Ich wollte gut vorbereitet sein, gewappnet, wenn es unweigerlich umschlägt.

Man kann sich auf das Schreckliche nicht vorbereiten.
Es wird nicht weniger schlimm sein, wenn „es“ eines Tages passiert, wenn das passiert, vor dem Du am meisten Angst hast.
Du wirst nicht weniger Schmerz empfinden, weil Du all die Jahre jeden Monat ein bisschen „vorgelitten“ hast.
Manchmal sind wir am falschen Ort, manchmal ist es eine Krankheit, manchmal ohne Absicht. Oft sind wir schlichtweg hilf- und machtlos, schicksalstechnisch.

Man kann nur leben.
Man kann nur versuchen, es gut hinzukriegen, so lange es eben währt.
Und dabei genügend Spaß zu haben.

Und was, wenn´s schiefgeht? Was, wenn mein Herz dabei bricht?

We cross that bridge, when we get to it.

Aber was soll ich denn dann tun? Wo alles ständig und jedem passieren kann, wo bestimmt nicht alle immer da sein werden, sicher, gesund?

Zwei Wörter: Freu Dich.
Freu Dich über all das Schöne, was ist.

Aber das ist ja wie freier Fall! Hör mal, wo so viel Schlimmes kommen wird, das ist ja wie freier Fall. Alles einfach akzeptieren, was da kommt.

Mag sein. Trotzdem, freu Dich. Hilft doch alles nichts.
Weinen, Dich betrinken und Zähneklappern, dafür ist immer noch Zeit wenn es so weit ist.

Nach dem Frühstück sind wir nach Potsdam zum Schloss Sanssouci gefahren.
Meine kalten Füße im Jetzt.
Die Feste und Jagdveranstaltungen, die Taufen und Diners in der Vergangenheit. Friedrich der Große ist auch aufs Klo gegangen, hat Schnupfen gehabt und für die Ewigkeit gelebt.
Ich hoffe für ihn, er hatte viele schöne Jetzts.
Ich will viele schöne Jetzts. Auch wenn das Jetzt ziemlich oft kalte Füße hat.

Erkenntnis:
Wenn ich ausschließlich den Dingen der Zukunft entgegenfiebere, stelle ich dann nicht auch stets den Jetzt-Zustand infrage?
Was würde passieren, wenn ich sehe, was ist und nicht sofort weg will?
Wenn ich bleiben kann. Wenn ich mich entschließe zu sein, was ich bin. Nicht schöner, schlanker und in besserer Version.

Vielleicht gehört zum glückliche-Momente-haben-können auch Mut.
Es gibt viele glückliche Momente.
Wenn ich was essen kann, wenn ich wirklich Hunger habe. Wenn ich aufs Klo gehen kann, wenn ich ganz dringend muss. Wenn ich total verfroren in einer Wanne mit warmem Wasser untertauche.
Und immer dann, wenn ich Angst loslasse.
Weil es die Angst ist, die oft kontrolliert.
Weil man ihr diese Kontrolle nehmen sollte.
Weil der Angst per se ein Tritt in den Arsch gehört.

Schlussgedanken:
Was versuche ich zu halten, obwohl es sich eigentlich verabschiedet hat?
Welche Beziehung oder Eigenschaft hängt irgendwo zwischen dem 7. Stock und dem Erdgeschoss fest und will gehen? Belebe mit Stromschlägen und Verzweiflung, obwohl es längst nicht mehr zu mir gehört?
Es gehört Mut dazu,die Apparate auszuschalten. Mut und eine Entscheidung.
Was zu mir gehört, bleibt, was fort will, soll gehen.

Jetzt.

 

021

 

 

 

Leseliste 2015/2016

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029007

Lotta läßt ausrichten, alles was hier steht, sei bereits durch mein verwirrtes Hirn gewandert und wenn es bewertet wurde, auch ganz gelesen.

Kerkeling, Hape: Der Junge muss an die frische Luft (++-)

Preußler, Otfried: Ich bin ein Geschichtenerzähler (++-)

Fruhstorfer, Heidi: Deutsche Filmstars (+)

Kerkeling, Hape: Amore und so´n Quatsch (HB) (+++)

Kästner, Erich: Drei Männer im Schnee (HB) (+++)

Kretschmer, Guido Maria: Eine Bluse macht noch keinen Sommer (+++)

Rushing, Steven: Philip Seymour Hoffman (+–)

Fielding, Joy: Lebenslang ist nicht genug (+-)

Fielding, Joy: Ich will ihren Mann (-)

Baker, Jo: Im Hause Longbourn (-)

Schützsack, Lara: Und auch so bitterkalt (+)

Robotham, Michael: Sag, es tut Dir leid (++)

Gier, Kerstin: Silber

Higgins Clark, Mary: Das fremde Gesicht (+-)

Flynn, Gillian: Gone girl (O) (+–)

Feth, Monika: Spiegelschatten (-)

Wilkins, Catherine: Meine schrecklich beste Freundin (+)

Christie, Agatha: A murder is announced (O)

Smale, Holly: Harriet – Ein Kolibri auf dem Catwalk (++++)

Smale, Holly: Harriet – Mode ist ein glitzernder Goldfisch (++++)

Hammesfahr, Petra: Merkels Tochter (+-)

Fielding, Joy: Herzstoß (+)

Gruber, Andreas: Rachesommer (++-)

Argov, Sherry: Why men love bitches (O) (+-)

Higgins Clark, Mary: Schlangen im Paradies (+-)

Brand, Russell: Revolution (O) (+–)

Moestl, Bernhard: Die Kunst einen Drachen zu reiten (+++)

Monroe, Marilyn: Tapfer lieben (+++)

Fielding, Noel: The scribblings of a madcap shambleton (O) (++++)

Mas, Sophie: How to be parisian wherever you are (O) (+)

Bourgeois, Louise: Strukturen des Daseins –  Die Zellen (+++)

Walser, Robert: Der Spaziergang (+-)

Roe, Louise: Front roe (O) (+++)

Bernhard, Thomas: Holzfällen (++-)

Gottschalk, Thomas: Herbstblond (+–)

Bronte, Emily: Wuthering heights (O) (++++)

Pluhar, Erika: Die öffentliche Frau (+-)

Frädrich, Stefan: Das Domino-Prinzip (+++)

Dawson, Shane: I hate myselfie  (O) (+++)

von der Lippe, Jürgen: Beim Dehnen singe ich Balladen (-)

Mann, Thomas: Ein Glück

Wimmer, Stefan: Schamanische Seelenreise (-)

Bergbauer, Matthias: Was lebt in tropischen Meeren? (++)

Frei, Herbert: Malediven (+-)

Maupassant, Guy de: Bel-ami (++)

Zola, Emile: Nana

Robotham, Michael: Adrenalin (++)

McPartlin, Anna: Die letzten Tage von Rabbit Hayes (-)

Fielding, Helen: Bridget Jones – Mad about the boy (O) (++–)

Wilson, Jacqueline: Queenie (O) (++)

Gabriel, Mark A.: Islam und Terrorismus (+-)

Grün, Anselm: Jesus als Therapeut

2016

Cavelius, Anna: Uschi Obermaier – Expect nothing (+-)

Gäsche, Daniel: Born to be wild – Die 68er und die Musik

Christie, Agatha: The mysterious affair at Styles (O) (-)

Robotham, Michael: Amnesie (+–)

035032

Männertraum

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Haben Sie sich auch schon mal gefragt, wo all die rotwangigen, dickbäuchigen, sympathischen jungen Männer abgeblieben sind?
Diese Frage beschäftigt mich seit geraumer Zeit.
Also fing ich zu recherchieren an, investigativer Journalismus, Wallraff-mäßig undercover als Rentier.
Alle entwickelten Theorien, alle Fährten können nunmehr getrost in der Pfeife geraucht werden, quasi dust in the wind.
Letztlich bleibt´s dabei, wir alten Journalisten-Hasen wissen das selbstverständlich seit Langem:
Du musst zur rechten Zeit, am rechten Ort sein, bringt sonst alles gar nichts.
Glückspilz, der ich naturgemäß bin, gelang es mir folgende skandalöse Beweisfotos zu schießen und trotzdem unerkannt zu bleiben, wenn das angeklebte Hirschgeweih beim Festhalten an der Regenrinne auch etwas störend war.

Doch sehen Sie selbst:

mitten in Deutschland, am hellichten Tag.
Der rot gekleidete Sektenanführer wartet ungeduldig vor einem gutbürgerlichen Haus.

090

Ein junger Mann enteilt der guten Gesellschaft,

091

wirft sich in die Arme des Bärtigen,

092

man besteigt den geparkten Schlitten und fährt gemeinsam weg.

093

094

095

Die Zukunft des Anzugträgers ist mitnichten ungewiss.
Wenn sie nicht unterwegs noch irgendwo einen Happen gegessen haben, wird sich der junge Mann binnen kürzester Zeit hier wiederfinden:

099

Was bietet diese Kommune ihren Bewerbern?
Ist es das Frauen-lose Leben?
Womit kann dieser exklusive Männerklub seine Aspiranten locken, was eine Karriere als Pfarrer in der katholischen Kirche lediglich zur zweiten Wahl degradiert?
Es müssen wohl die breit gefächerten Entwicklungsmöglichkeiten der einzelnen Mitglieder sein.

119125

131132

127136

Hier kann man einfach mal den Führerschein machen,

121

Liebe und Zuwendung ganz offen genießen,

124

in friedlichem Nebeneinander Mann aus Stein sein.

129

Endlich weg mit dem Gürtel: goodbye Sixpack, hello Fassfigur!

113

Endlich mal ne eigene Kerze darf man haben

133

und ne Runde pennen kann man auch, wann immer man will.

134

Mitten in Deutschland werden die gemütlichen Männer immer weniger zur Weihnachtszeit.
Es bleibt zu hoffen, dass der junge Anzugträger wählen darf und nicht das machen muss, wovon sie grad zu wenig da haben.

122

Sonst bleibt immer noch die katholische Kirche.

So verkehrt war der Wolf nicht

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Rotkäppchen verlief sich eines Tages bereitwillig in der Stadt. 036 Der dunkle Wald war ihr fad geworden. Also folgte sie der fröhlichen Musik, den vielen Stimmen, dem Lachen und den guten Düften: ein Jahrmarkt, ein buntes Zirkuszelt, bunter denn je erschien ihr die Welt. Der Schnurrbart des Zirkusdirektors glänzte schwarz wie das Gefieder der Raben im Wald. 017 Er warf ihr einen roten Zuckerapfel zu: „Den schenk ich Dir meine Kleine! Sieh Dir alles an, sieh, wie wundervoll das Leben ist!“ Als erstes lief Rotkäppchen zu den Clowns, denn die hatten es immer lustig. Die hatten ordentlich Spaß! Drehten sich allerdings nur im Kreis um sich selbst, und wenn sie lachten, dann klang es ein bisschen wie aus der Dose. 025 Rotkäppchen staunte nicht schnell über das Karrussel. 033 Im Wald war ihr schon von den Sonnenstrahlen schwindlig geworden, wie würde das erst funzen, wenn man für das Kribbeln bezahlen konnte! 021022 Die Menschen brüllten und verzerrten die Gesichter. Sie kreischten, manche übergaben sich. Sie flogen so schnell an Rotkäppchen vorbei, dass sie ihre Gesichter nicht mehr erkennen konnte. Rotkäppchen ging schnell weiter. Traf einen seltsamen Affen im Frack, 040 einen Yeti, dessen Atem derart nach Fisch roch, dass sie beinahe in Ohnmacht gefallen wäre, 038 sie hatte Angst um einen Mann, der sich an ein Stück Holz klammerte, auf dem „von Geburt an gefühllos“ stand, 002 bemerkte eine Frau mit einem Schild in der Hand: 028 „He Du, darf ich Dir meinen Trick zeigen?“ 009 Rotkäppchen wand sich verwirrt um. Eine fröhliche gestreifte Giraffe. Sie atmete erleichtert auf. Aber im nächsten Moment fiel die Giraffe vor ihr zu Boden, wie tot. 011010 Rotkäppchens Augen füllten sich mit Tränen. Aber da: 012 „Cool was, guter Showeffekt, wichtig ist das wieder Aufstehen, da braucht´s ein Schmalz und eine Muskulatur!“ Die Giraffe gab an ohne Rot zu werden. 015 „…hat sie doch nicht alle, der Penner..“, murmelte Rotkäppchen und ging weiter. Irgendwie hatten die es hier alle nicht alle. Der Mann im Spiegelkabinett, der immer nur sich selbst sah. Der kam da nie mehr raus. Oder das Kind ohne Namen. „Nennt das Kind beim Namen, nennt das Kind beim Namen!“ Rotkäppchen kämpfte sich durch die Menge. „Sehen sie die schöne Lola mit ihrem Regenschirm! Sehen Sie Lola!“ Rotkäppchen blieb stehen und blickte nach oben. Die Seilkunsttänzerin war so hübsch. 001 Sie balancierte auf dem dünnen Drahtseil über dem Jahrmarktsplatz. Wie niedlich sie angezogen war: das duftige Kleid, wie grazil sie die Arme hielt. Rotkäppchen seufzte, wie eine kostbare Porzellanpuppe. Eine andere Welt. Aber dann sah sie ihre Augen. In ihren Augen war Angst. 003 Rotkäppchen legte den Zuckerapfel auf den Boden. Dann lief sie los. Lief über die Straßen, durch die Einkaufszentren, sprang über die künstlichen Fontänen. Rotkäppchen hatte keinen Schirm dabei und als der Sturm aufkam, musste sie alles auf sich regnen lassen. Als sie endlich wieder im dunklen Wald war, umarmte sie als erstes den bösen Wolf. „Alter, ich hab Dinge gesehen, das glaubst Du nicht. Ehrlich, das hält man im Kopf nicht aus.“ Der Wolf wollte sie zwar gerade fressen, aber da disponierte er um und sie gingen erstmal ein Bier trinken. Morgen, dachte er, morgen ist auch noch ein Tag.

Damals in Marienbad

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024 Damals in Marienbad, weißt Du noch? 019

Wo Goethes Herz mal wieder brach und Franz K. neben Felice lag und doch nicht einschlafen konnte.
Sag mal, weißt Du das nicht mehr?
Karlsbad, Franzensbad und Marienbad. Westböhmisches Bäderdreieck. Aber Marienbad die jüngste der drei Schwestern, 1808. (Die Jüngsten sind immer blond und zart und dann auch noch die Klügsten. Fand ich immer ungerecht.)

„Zentraleuropäischer Treffpunkt von Dichtern, Denkern und Leuten von Welt“

War nur eine Frage der Zeit, dass wir nach Marienbad kommen.

Beim Umsteigen: das ist aber nicht Marienbad.
Hey, nicht mit uns. Das ist bestenfalls  Lucy und der Schrecken der Straße mit den Knetmännchen. Pan Tau in einer Mietskaserne. Die Märchenbraut im 10. Stock.
Aber nicht Marienbad, wirklich nicht. 405

Gegenwart, Vergangenheit und Fantasie. Grand Hotels, Dekadenz, Eleganz.

So muss das sein. Aufsehenerregend und ganz einfach fantastisch.

Ich weiß nämlich zufällig haargenau, wie Marienbad ist:

Schärpen der Damen um Wespentaillen geschnürt, italienische Strohhüte in zartgelb, Zylinder aus hellblauem Bast. Spazierstöcke, petrolgrüne Damastwesten, Sonnenschirme aus chinesischer Seide mit Blüten und goldenen Vögeln.
Vornehme Blässe und echte Spitze.
Zigarettenetuis aus Silber.
Gehröcke. Korsetts.
Herr Ober, bitte eine Runde Korsetts für die Damen! Sanduhr-Figur ist angesagt. (Da schreit die Riechsalzindustrie Hurra! Für eine Taille von 45 cm nimmt man eine gelegentliche Ohnmacht in Kauf.)

Und dann war es plötzlich richtig.
So, wie es sein soll.

„Aus dem Böhmerwald gerodet“. 558459 Nur Wald und Wald und Wald und – die neue alte Welt. 407408 410
„Versunkene Epoche, habsburgische Monarchie, Könige und Kaiser, Chopin und Wagner, Nietzsche, Freud und Schnitzler.“
Und wir zwei halt. 450

Und das kann nicht sein und das wird nicht sein.
Das wird nur Erinnerung sein. Nostalgie. Alte Bilder.
Doch dann ist die Architektur wie ein Zauberstab, der beschwört, dass wir lachen und staunen und nicht fassen können, dass es das wirklich geben kann. 498496 417   499447   566556 582 546

Wo die europäische Prominenz vor dem 2. Weltkrieg promenierte und Wasser trank, Oblaten knabberte.
Hauchdünne fade Waffeln mit krümeligem Nutella, warm werden sie nur hier serviert, erst seit 1856.
(San trotzdem fad.)
Aber Essen und Trinken, weißt Du noch? 505506523 Goethe, damals in Marienbad.
Verliebt in eine 19-Jährige, mit 74. Kommt immer wieder vor, so was.
Die Liebe bleibt unerwidert. Kommt immer wieder vor, so was.
Der Goethe.
Hat bestimmt auch ordentlich geliebt und geweint in seinem Leben. 577

Weißt Du noch, wie Du mit den Zähnen geknirscht hast, weil uns der Indianer die rauschenden Taftröcke vermurkst hat? 507

Lieber gschwind dahin gehen, wo sie von jeher schieben und drängeln. Damals wie heute. 584 483

Wasser trinken! Hoho! 40 Quellen hat die Stadt, alle zwischen 7 und 10 Grad. Das is´ ja mal ordentlich, sagt man anerkennend, obwohl man keine Ahnung hat. Ja ja, die „kalten Säuerlinge“, sinniert der Heilquellenklugscheißer.   530525

Wir werden Profis, werden zu „Bäh, ja, pfuideifi, die Kreuzquelle, ja nie im Leben nu amoia!„.
(Die Kreuzquelle der alte Pechvogel. Hatte nie das Zeug zur jüngsten Schwester. Einfach zu viel Glaubersalz. Das Leben ist ungerecht.) 534536   Der Fachmann, er empfiehlt die magenmilde Variante.
„Die Dings, die Rudolfquelle. Die bringt´s, I moan, I gschbia scho wos.“ 535

Dann wieder den freundlichen Dingen lauschen, die den gedopten Indianer übertönen.
Der singende Brunnen.
Aus mehr als 250 Düsen spritzt das Wasser fröhlich im Zweistunden-Takt zu Verdi, Mozart, Dvorak und den üblichen Verdächtigen.
Weißt Du noch.
Wie aufregend, als es dann endlich losging. Ein bisschen wie Weihnachten.
Als wir zwei Stunden später wieder da waren, war es nicht mehr ganz so schön. Und am nächsten Tag sind wir gar nicht mehr stehen geblieben.

Man gewöhnt sich so schnell.
Ein bisschen wie Weihnachten.
Trotzdem schön.

513493

Wir haben uns so verdammt jung gefühlt. Alles, was es braucht, ist eine alte Stadt mit alten Leuten drin. Wir freuen uns, weil der Indianer die Verstärker,  mit denen er die Kolonaden beschallt, ausstecken muss.
Jetzt ist nämlich Kurkonzert.
Alle Macht der Klassik.
Da hat er keine Chance, der Winnetou.

522521544

Weißt Du noch, das Haus vom Nachbar, dem Graf Dracula?482 426

Wie Hanni und Nanni haben wir uns auf sein Anwesen geschlichen. Nur mal schauen. Sind kreischend davongelaufen, als ein Hund gebellt hat, weißt Du noch? Jung? Grundzustand, altersunabhängig.

Der Garten der singenden Bäume,
der Pool durch das Fenster,
die Langstrumpf-Villa.
468 476474560

Abends, das Nachtleben in Marienbad.

Im Internet stand unter der Rubrik „Nachtleben“: nichts.
Ehrlich wahr, da stand die Überschrift „Nachtleben“, gleich unter „Heilungschancen“ und „Stützstrümpfe“, aber unter Nachtleben: nüschd.

586430

Die Stadt ist das Abendprogramm.
Das sanfte Licht, die Dämmerung.
Die Stadt gehört denen, die nicht um 19 Uhr im Bett liegen.
Das sind nicht viele, mein Freund.

Wir gehen ein bisschen spazieren und trinken Cocktails an der Hotelbar.

Wie schockiert sie war, als wer um 20 Uhr eine Pina Colada bestellt. (Dass überhaupt jemand Pina Colada bestellt.)
Bleibe ich knallhart, das steht in der Karte.
Dann fallen wir vor Begeisterung fast vom Stuhl: eine wunderschöne halbe Ananas, gefüllt mit cremiger Köstlichkeit, das hatte Stil.
Wie bescheiden sie es auf den Tisch gestellt hat.
Und wir mit Ah! und Oh!.
(Ist das nicht ungerecht, wenn man so etwas nicht öfter servieren kann? Wenn man es so gut kann, meine ich. Mit dem öfter bestellten Tee löst man doch keine Laola-Wellen aus.)

491

Marienbad ist aus der Zeit gefallen.

Es nimmt Dich in die zarten Arme and wirbelt mit Dir im Kreis.
Es wispert ganz nah an Deinem Ohr von Träumen längst vergangener Tage und reicht Dir die behandschuhten Finger zum Abschied.

Dann verlässt Du es und es bleibt genau da stehen, wo es die ganze Zeit gewesen ist.
Wo es unverändert weiter strahlen wird.
Du wirst Dich verändern, die falschen Frisuren tragen, altern, Falten bekommen, Marienbad nie.
Bisschen gruselig auch.
Vielleicht betritt man eine Zeitkapselzone, wenn man an dem Lucy-der-Schrecken-der-Straße-Bahnhof umsteigt?
Denkbar.
Da war irgendwie so was in der Luft.
Beweisen Sie mir erst mal das Gegenteil.

Die Farben, die Geräusche, die Gerüche.
Marienbad ist „begehbare“ Erinnerung.
Die Suche nach der verlorenen Zeit.
Die Fata Morgana Marienbad.
So bunt, so elegant, so köstlich.
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Weißt Du noch?

Odette Toulemonde

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„Lust auf ne süße kleine Schweinerei? Zuckriger Petit-four-Karamellbonbon-Plombenzieher fürs Wochenende gefällig?“
Aber was für eine Frage!
Wenn ich aus dem Fenster in lauter graue Glückseligkeiten blicke, ruft es sich wie von selbst:
„Ja aber bitte gern! Aber bitte sofort! Her damit!“
Und nur nicht geizen, hören Sie.
Es ist auch eher eine medizinische Notwendigkeit. Von wegen Endorphine freisetzen.
Süßkram-Mademoiselle hat da zufällig genau das Richtige für Sie.

Voilà:
Odette Toulemonde!
(Kosmetikerin, Viel-Leserin, Eischneeexpertin. Nie ganz da. Und extrem verliebt.)

„Kann ich ein paar Tage bei Ihnen bleiben, Madame?“
„… aber mein Eischnee..“
Beruhige Dich Odette, beruhige Dich.
Ein Schriftsteller ist auch nur ein Mann mit zwei Ohren.

So geht´s bei denen alle Tage zu.

Zuckerketterl

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Der Mann vor mir hat echt große Ohren.
Mein lieber Herr Gesangverein, richtige Jahrhundert-Löffel.
Wenn Du einen Rat willst: öffentlich ausstellen und Eintritt dafür verlangen.
Für solche Ohrwaschl kann man einen eigenen Souvenir-Laden aufmachen. So was von, ……arrrgh!!

Nachdem alle in der Schlange, die sich am Montagmorgen am Ticketschalter hinter dem Ohrenmann gebildet hat, wissen, wie er mit 4-mal Umsteigen und 50 Minuten Aufenthalt zu seiner Enkelin nach Essen kommt, lässt er sich nun auch noch eine Alternativroute ausdrucken. Sicher ist sicher. Man kann ja nie wissen, gerade mit den Streiks und so. Arrrgh!!
Wieso macht er das nicht am Mittwochnachmittag um 10 vor 3, wenn ich weit weg bin.
Aber nein, das macht er nicht.
Seine Ohren leise in Grund und Boden zu beleidigen, hilft mir, nicht an Ort und Stelle zu explodieren.
Kaffee!
Die Bäckereiverkäuferin schiebt gedankenverloren (das geht doch schneller!!!) ein Schokocroissant in die Papiertüte, während die Frau vor mir mit leuchtenden Augen von ihrem Romantik-Wochenende in der Lüneburger Heide berichtet.
Arrgh. Und weit und breit kein Segelohr in Sicht.
Manchmal bin ich richtig böse auf alles und jeden.
Auf alle, die mein Tempo drosseln und meinen egozentrischen kleinen Blues stören. Dann kann ich nur folgendes denken:

1. Ich will das alles gar nicht wissen

2. Das dauert mir alles viel zu lange

3. Erzähl´s doch Deinem Friseur!!

Neulich war ich irgendwo und musste irgendwas ganz dringend machen und wollte mir vorher noch schnell, schnee-he-he-ll, eine Flasche Wasser am Kiosk holen.
Der ältere Herr vor mir kramt in den Taschen seines hellen Trenchs nach Kleingeld für seine Zigaretten. Kramkramkram, laberlaberlaber.
Da steht sie dann wieder und ich mitten drin, die Laberschlange, der zähe Strom bei dem nix weitergeht, wo ich am liebsten laut und aus tiefster Seele:

„Ja Himmel, Arsch und Zwirn – ZACK ZACK!!“ brüllen möchte.

Ich knirsche mit den Zähnen und Gedanken. Der Trenchträger erzählt von seinem Dackel Ilse, dem kleinen Tunichtgut, um allen die Wartezeit zu versüßen.
Die Verkäuferin lächelt und ist nett zu ihm und ich ärgere mich und bin böse. Dumme Ohren hat er, richtig kleine Kümmerlinge.

Da fällt mein Blick auf die Zuckerketterl in der Plastikdose hinter dem Tresen.
Die hab ich seit 30 Jahren nicht mehr gesehen.
Es ist einer dieser „Instantflashbacks“. (Im Film würde man jetzt eine Rückblende einspielen, wie ich als bezopfte 5-jährige mit so einer Kette um den Hals sorgenlos über die Wiese hopse.)
Was hab ich die geliebt, von wegen diamonds are a girls best friends…
Ich starre die Perlen an.
Und dann schäme ich mich auf einmal ein klitzekleines bisschen.

Als ich an der Reihe bin und die Verkäuferin das Wechselgeld reicht, bricht es verschämt aus mir raus.

„… ach bitte, und, uhm, noch so ein, so ein Zuckerketterl bitte.“

003

Die Dame lächelt das Ilse-Dackel-Lächeln und holt die Dose vom Regal.

„Kette oder Uhr?“

Öha. War ich jetzt nicht drauf gefasst.
Ich bin etwas verunsichert.
Ich zögere.
Ich drehe mich instinktiv um. Mir ist, als ob irgendwer hinter mir auf meine Ohrläppchen starrt.
Die Kioskdame ist sehr verständnisvoll und holt einfach beides aus der Dose. Dann legt sie jeweils eine Zuckerketterl-Uhr und Zuckerketterl-Kette so vor mich hin, als wäre es hoch exklusive Ware und wir beim Juwelier.
„Da waren wir doch früher alle verrückt danach“, nickt sie mir verschwörerisch zu.
Ich kichere schüchtern.
Dann strahle ich sie plötzlich an.
Ich muss mich ja gar nicht entscheiden! Ich kann mir diesen Luxus doch auch mal leisten, was kost‘ die Welt?
Außerdem ist das ja schließlich eine Art Set, die sollte man schon zusammentragen.

Ich gackere leise und gerade noch rechtzeitig fällt mir ein, die Perlen nicht mit dem Provisoriums-Backenzahn abzubeißen.
Ich glaube sogar fast ich bin dann ein bisschen gehopst und dann sind mir die Schleckmuscheln eingefallen, die die Bäckerin meinem Bruder und mir immer geschenkt hat. Die Brausestäbchen der Kramerin, wenn sie sich mit meiner Mutter unterhalten hat und wie das in der Nase gekitzelt hat, wenn man ihren Duft aus Versehen eingeatmet hat und das Gratis-Würstl und die Witze vom Metzger, und wie schön diese Dinge waren, und wie meilenweit weg von Zackzack.
Auf meiner Armbanduhr ist es 5 vor 12 und das ist gut so, weil es auf der Uhr bestimmt niemals später wird bzw. zu spät sein wird.
Es sei denn, ich ess das Zifferblatt auf.

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(Poupette posing avec dem Zuckerketterl)